Vortrag: Gerhard Stapelfeldt

Wann? Donnerstag, 18:30-20 Uhr
Wo? Hörsaal 9 (E-Gebäude)
Moderation: Andreas Stahl


Referent: Gerhard Stapelfeldt
Titel: „Der Verfall der dialektischen Kritik der politischen Ökonomie nach Marx“
Ankündigungstext:

Die dialektische Kritik der politischen Ökonomie unterlag nach Marx einem Verfall. Dieser Verfall ist gesellschaftsgeschichtlich aufzuklären, um jene Kritik nicht zu restituieren, sondern unter veränderten Bedingungen auszuführen.

Marx’ dialektische Kritik ist die Radikalisierung der bürgerlichen zu einer Vernunft-Aufklärung, der bürgerlichen zu einer proletarischen Revolution. Sie war, als Kritik der klassischen politischen Ökonomie, der Philosophie Hegels und des Frühsozialismus, „ihre Zeit in Gedanken erfaßt“.

Bereits unter dem Imperialismus verwandelte sich die dialektische Kritik in einen positivistischen Materialismus, der sich auf die Lehre von der befreienden Potenz der Produktivkräfte stützte und die revolutionäre Lehre vom Fetischcharakter der Ware hinter sich ließ. Lukács und Korsch haben diese Entwicklung als Krise des Marxismus und der Arbeiterbewegung aufgefaßt. Die Krise wurde 1933 manifest: durch den Sieg der „Mystik der Nationalsozialisten“ über den „wissenschaftlichen Sozialismus“ (W. Reich).

Durch den Nationalsozialismus und den Stalinismus schien die dialektische Kritik der politischen Ökonomie verloren. Sie mußte, nachdem die klassischen Schriften durch die Marx-Engels-Werke wieder zugänglich wurden, um 1960/70 erst wieder philologisch angeeignet werden. Der zweite Schritt, die Kritik als „ihre Zeit in Gedanken erfaßt“ zu begreifen durch Darstellung der Marxschen Kritik Smiths, Ricardos und Hegels, ist kaum erfolgt. Deshalb ist auch der fällige dritte Schritt, diese Kritik zu einer Kritik des staatsinterventionistischen und des neoliberalen Kapitalismus zu entwickeln, allenfalls in Ansätzen vorhanden. Es dominiert die philologische Erhebung der Marxschen Kritik zu einer überhistorischen, dogmatischen Theorie, in der der revolutionäre Gehalt der dialektischen Kritik verloren ist.

Zur Person: Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt lehrte von 1979 bis 2009 am Institut für Soziologie der Universität Hamburg. Seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller in Hamburg.

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