Panel 8: Erkenntnis, Kritik und Wahrheit

Wann? Freitag, 10-13 Uhr
Wo? Raum P 12 (P-Gebäude)
Moderation/Betreuung: Lukas Harmeling, Simon Szygula


Referent: Alex Demirović
Titel: „Parteilichkeit des Wissens und Wahrheit. Zur Frage nach der Weltanschauung“
Ankündigungstext:

Im Vortrag geht es um das Spannungsverhältnis, das sich aus dem Marxschen Anspruch ergibt, dass seine Theorie wissenschaftlich wahr und objektiv ist, gleichzeitig aber auch mit dem praktischen Ziel der Emanzipation der Menschheit verbunden ist. Die klassische Lösung für diesen Widerspruch war der Versuch zu einer wissenschaftlichen Weltanschauung. Dies – sowohl der Anspruch auf Wissenschaft als auch auf Weltanschauung – wurde von den undogmatischen Traditionen im Marxismus in Frage gestellt – bis hin zur Zurückweisung eines -ismus. Läßt sich angesichts einer solchen Kritik der Begriff der Weltanschauung verteidigen? Ist er nicht doch erforderlich, um die praktische und parteiliche Seite der Kritik der politischen Ökonomie zur Geltung zu bringen?

Zur Person: Alex Demirović, Apl. Prof. an der Goethe-Universität Frankfurt und Senior Fellow bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, arbeitet zu kritischer Gesellschaftstheorie, Staats- und Demokratietheorie.


Referent: Patrick Körner
Titel: „Zur Revisionsbedürftigkeit der Ideologiekritik“
Ankündigungstext:

Während die Popularität der Verwendung des Begriffs der Ideologie zuzunehmen scheint, ist bereits seit Längerem zu beobachten, dass sich der Ideologiebegriff von seiner Anbindung an das marxsche Werk gelöst hat. Diese Verselbstständigung ist erklärungsbedürftig. Zudem wirft sie die Frage auf, wie die Relevanz der marxschen Ideologiekritik wiederbelebt werden könne. Marxens sperriges Konzept der Ideologiekritik in einzelne separate Forschungsfragen zu zergliedern ermöglicht in einem ersten Schritt eine Präzisierung des begrifflichen Instrumentariums und daran anknüpfend die Diskussion einiger für die Verselbstständigung ursächlicher theoretischer Aspekte, die eine mangelnde Anbindung an empirische Ideologieforschung bewirken – und damit an Resultate, die auch außerhalb des marxistischen Paradigmas Anerkennung finden können. Ein leistungsfähiges, wissenschaftlichen Ansprüchen genügendes Programm von Ideologiekritik ist politisch nötig – auch wenn ein solches Programm nur mittels einer Absage an die Orthodoxie und durch die kritische Weiterentwicklung zentraler Theorieelemente möglich ist.

Zur Person: Patrick Körner studierte Philosophie (M.A.) sowie Soziologie (B.A.) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wirkt seit 2012 dort sowie an der Universität zu Köln als Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter und promoviert über die Methodologie erkenntniskritischer Ideologietheorien an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.


Referent: Michael Städtler
Titel: „Die Unsichtbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse – Formelemente kritischer Gesellschaftstheorie“
Ankündigungstext:

In vorkapitalistischer Zeit waren Herrschaftsverhältnisse durch persönliche Beziehungen von Herrschern und Beherrschten bestimmt. Diese Herrschaft konnte theoretisch analog zur Erfahrung beschrieben und anhand von ebenfalls erfahrungsanalogen Kriterien – dem allgemeinen Wohl zum Beispiel – begrenzt werden. Der Kapitalismus ist hingegen eine gesellschaftliche Herrschaftsordnung, die nicht auf persönlichen Machtrelationen, sondern auf gesellschaftlichen, funktionalen Eigentumsverhältnissen beruht. In der Phase, die Marx als formelle Subsumtion bestimmt, tritt der kapitalistische Privateigentümer der Produktionsmittel den Nichteigentümern noch persönlich entgegen, so dass in dieser Phase die spezifisch kapitalistische Herrschaft noch erfahrungsanalog vorstellbar ist. In der Phase der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital, in der wir uns seit der Industrialisierung befinden, sind gesellschaftliche Verhältnisse der Abhängigkeit aber nicht mehr persönlich präsent, sondern sie sind in der technischen Struktur des Arbeitsprozesses, der dem Verwertungsprozess funktional unterworfen ist, objektiv manifestiert: Die gesellschaftliche Funktionalisierung des Einzelnen ist unmittelbar mit seiner Funktion in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gegeben, und diese Funktion ergibt sich ihrerseits unmittelbar aus der Notwendigkeit sich in einer Gesellschaft zu erhalten, in der die Einzelnen nicht über die Mittel ihrer Selbsterhaltung verfügen. Mit dem Produktionszweck der Kapitalverwertung um ihrer selbst willen und mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln – selbst wenn dieses nicht mehr persönlich repräsentiert wird – ist die gesellschaftliche Notwendigkeit der Lohnarbeit und mit ihr die gesellschaftliche Funktionalisierung der Einzelnen verbunden.

Obwohl die Einzelnen in ihren Zwecksetzungen nicht frei sind, missverstehen sie sich doch in dem Maße als frei, in dem sie die gesellschaftliche Ordnung als alternativlos hinnehmen und in dem es gelungen ist, gesellschaftliche Herrschaft politisch liberal zu moderieren, also gesellschaftliche Zwänge entweder als Sachzwänge erscheinen oder durch demokratische Entscheidung legitimieren zu lassen.

Um diesen Zusammenhang kritisch zu durchschauen, ist es erforderlich, die Beziehungen der Individuen auf allgemeine gesellschaftliche Zusammenhänge zurückzuführen, sie als empirische Funktionen eines Ganzen zu verstehen, dessen theoretischem Begriff in der Erfahrung des Einzelnen nichts mehr direkt korrespondiert: Die Herrschaft moderner kapitalistischer Gesellschaften ist anonym und strukturell vermittelt. Aus diesem Grund plädiert der Vortrag, entgegen verbreiteten Forderungen nach anwendungsbezogener Kritik, für das Festhalten an der emphatisch theoretischen Form der Marxschen Kapitalismuskritik, um deren nähere Bestimmungen es vor allem gehen soll.

Zur Person: Lehrbeauftrager an der Universität Wuppertal (click für mehr Informationen).

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