Panel 7: Staat und Revolution

Wann? Freitag, 10-13 Uhr
Wo? Raum A 9/10 (A-Gebäude)
Moderation/Betreuung: David Schmidt, Benedikt Zopes


Referent: Alexander Neupert-Doppler
Titel: „Staatsfetischismus – In und/oder gegen den Staat? Formkritik und Hegemonietheorie“
Ankündigungstext:

Was Marx zum Klassiker macht, ist die Tatsache, dass er immer wieder unterschiedlich gedeutet werden kann. Ein populäres Beispiel dafür ist die nicht abreißende Debatte um „die fehlenden Bände des Kapitals“ (Hardt/Negri 2003: 246), d.h. um die Frage, was eine von Marx ausgehende Theorie zu Lohn, Staat und Weltmarkt beinhalten müsste. Gerade am Staat, als politische Form des Kapitals, scheiden sich bis heute die Geister. Hierzu gehört der Streit über sozialdemokratisches Mitwirken im bürgerlichen Staat versus bolschewistischen Staatsaufbau. Im 20. und 21. Jahrhundert wurden sowohl der Abbau des Sozialstaates als auch das Scheitern des Staatssozialismus theoretisch breit diskutiert, auch hier stehen als praktischen Alternativen politische Hegemoniekämpfe gegen radikale Verweigerung. Beide Stränge beziehen sich auf Marx.

Im Beitrag soll gezeigt werden, wie ein Blick auf die jeweiligen Gegenstände und Reichweiten beider Theorietraditionen deren Differenze aufklären und vermitteln kann. Als Beispiel eignet sich dafür die streitbare Auseinandersetzung zwischen John Holloway und Joachim Hirsch in den 2000er Jahren. Für Holloway ist klar: „Der Staat ist also eine erstarrte oder fetischisierte Form gesellschaftlicher Verhältnisse“ (Holloway 2002: 112). Er schließt daraus unmittelbar auf eine Theorie der Praxis: „Wir schaffen und erneuern Staat und Macht, indem wie Steuern zahlen, den Gesetzen gehorchen, an Wahlen teilnehmen“ (Holloway 2010: 135). Seine Antwort: Verweigeurng gegen den Staat! Joachim Hirsch hat demgegenüber angemerkt: „Der Staat ist nicht nur ein abstrakter Fetisch, sondern ein gesellschaftliches Kampffeld“ (Hirsch 2003). Auch aus dieser Einschränkung – nicht nur ein Fetisch – folgt Praxis: „Es bedarf einer theoretischen und praktischen Radikalität, der grundsätzlichen Kritik an den herrschenden gesellschaftlichen und politischen Formen, ohne darauf zu verzichten, im und mit dem Staat Politik zu machen“ (Hirsch 2002).

Mit Rückgriff auf Marx, so die im Beitrag vertretene These, lassen sich solche Konflikte zwischen Formkritik und Hegemonietheorie verstehen und erklären. Spätestens im Kapital weiß Marx zu unterscheiden zwischen dem Zusammenhang der kapitalistischen Formen, den Kritik und Revolution überwinden wollen, und dem Binnenraum dieser Formen, in dem politische Hegemoniekämpfe möglich sind. Wenden wir diese Überlegung auf den Disput zwischen Holloway und Hirsch bzw. deren Vorstellungen von Praxis an, so lautet die Frage nicht mehr: Wer hat Recht?, sondern: Welche Praxis ist unser gegenwärtigen Situation angemessen? Wann und wie bewegen wir uns auf dem „Kampffeld des Staates“ (Hirsch), wann und wie ist es sinnvoll diese „fetischisierte Form gesellschaftliche Verhältnisse“ (Holloway) zu überwinden? Die Denkfigur der Gelegenheit, des Kairos, würde somit zur Richtschnur, um verschiedene Theorien der Praxis einordnen und beurteilen zu können.

Zur Person: Dr. Alexander Neupert-Doppler (Jahrgang 1981) studierte Philosophie, Geschichte und Politik an der Universität Osnabrück, wo er 2013 mit seiner Arbeit zur Kritik des „Staatsfetischismus“ promoviert wurde. 2015 folgte sein zweites Buch „Utopie – Vom Roman zur Denkfigur“. Zu beiden Themen werden 2017 Artikel im International Handbook of Frankfurt School Critical Theory (SAGE, New York) erscheinen. Neupert-Doppler arbeitet als Bildungsreferent für die Sozialistische Jugend / Die Falken in Hannover.


Referent: Ingo Elbe
Titel: „Revolutionstheorie und ihre Kritik bei Marx“
Ankündigungstext:

Marx, der Theoretiker des ‚historisch unvermeidlichen Sieges der proletarischen Revolution‘, die Kritik der politischen Ökonomie als ‚wissenschaftlicher Ausdruck proletarischen Klassenbewusstseins‘, als positive Wissenschaft eines naturwüchsigen Emanzipationsprozesses, zumindest des Zusammenbruchs der kapitalistischen Produktionsweise – so haben es der klassische Marxismus und seine bürgerlichen Kritiker tradiert. Tatsächlich verarbeitet Marx v.a. in seinen früheren Schriften traditionelle geschichtsphilosophische und politökonomische Motive zu einem revolutionstheoretischen Modell, das im wesentlichen Verelendung und historische Mission des Proletariats, spontane Entzauberung der Alltagsverhältnisse, Universalität proletarischen Leidens sowie unilineare Evolution der Produktivkräfte als notwendige und hinreichende Bedingungen
für die Bildung revolutionärer Subjektivität und gelingender Umwälzung des Kapitalismus unterstellt.

Der Vortrag soll demgegenüber zeigen, dass sämtliche dieser revolutionstheoretischen Vorstellungen und Kriterien von Marx‘ ausgearbeiteter Ökonomiekritik systematisch widerlegt werden, wobei sowohl werkimmanente Lernprozesse als auch bleibende Ambivalenzen im Verhältnis zur Geschichtsphilosophie beleuchtet werden sollen. Damit wird der wissenschaftliche Kern der Kritik der politischen Ökonomie als ’negative Theorie in praktischer Absicht‘ erkennbar, Marx als Kritiker auch des proletarischen Klassenbewusstseins sichtbar, als Kritiker geschichtsphilosophischer und politökonomischer Denkformen, der in seiner negativ-desillusionierenden Haltung gegenüber der Arbeiterbewegung das ‚polizeilich Erlaubte und logisch Unerlaubte‘ ihrer Sozialismusvorstellungen nachweist. Die These lautet: Nicht die Revolution, sondern ihre Unwahrscheinlichkeit und ihr Scheitern in ihren bisherigen Formen können mit Marx erklärt werden – und das ist nicht wenig.

Zur Person: Dr. Ingo Elbe ist Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. 2010 erschien in 2. Auflage sein Buch „Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik“. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Marx-/Marxismusforschung und zur politischen Philosophie. Aktuelles Buch: Paradigmen anonymer Herrschaft. Politische Philosophie von Hobbes bis Arendt. Würzburg 2015. Online-Texte unter www.rote-ruhr-uni.com sowie http://www.uni-oldenburg.de/philosophie/pd-dr-ingo-elbe/publikationen/.


Referent: Felix Riedel
Titel: „Dystopischer Marxismus – Zur Dialektik von Planwirtschaft, Maoismus und Revolution“
Ankündigungstext:

In der Marx’schen Utopie sollte dem „Seufzer der bedrängten Kreatur“ Gehör verliehen werden und die Geschichte der Unfreiheit und Klassenkämpfe enden. Historisch aber führten die sozialistischen Experimente ausschließlich in Massenmord, Versklavung und Diktaturen – in Dystopien ohne Tötungstabus. Schon 1908 befürwortete Lenin, Gegner einer kommenden Revolution „an die Wand zu stellen“. Am 6. Juli 1918 setzte mit der Doktrin des „roten Gegenterrors“ die „Vernichtung der Bourgeoisie als Klasse“ (Martyn Iwanowiz Lazis, 1919) ein, die nicht nur den „weißen Terror“, sondern linke Gegner und ökonomische Schichten ins Visier nahm. Die Aneignung der Staatsorgane durch eine für den Terrorismus bereite Minderheit ist ein strukturelles und nicht akzidentielles geschichtliches Phänomen. Die Dialektik der Planwirtschaft beinhaltete nicht nur, dass der antireligiöse Empirismus in den Okkultismus der Lyssenko-Doktrin umschlug und demozidale Hungersnöte auslöste oder forcierte – sondern auch, dass Hungersnöte und wahllose Dezimierung als Waffe verwendet werden konnten. Weil Vermittlung ohne freie Konkurrenz zwangsläufig Planwirtschaft bedeutet, war die Konsequenz des Maoismus die Abschaffung der Vermittlung: Sie setzten den Bauern als Ideal. Gerade das Bewusstsein der Reichweite und Zählebigkeit von Kategorien wie Konkurrenz, Opfer und Tausch führt zur Vorstellung einer Rückkehr zur Unmittelbarkeit, letztlich zu Pol Pots antiurbanen Kambodscha. Dieser Maoismus lässt sich paradoxerweise mit dem Bewusstsein kritischer Theorie parallelisieren, die ebenso darauf insistiert, wie tief das Tauschverhältnis reicht und wie tief Gesellschaft sich umwälzen müsste. Adornos romantische Utopie von der Abschaffung des Tauschprinzips und dem Stillstand („rien faire comme une bête“) unterscheidet sich von der maoistischen vor allem durch eine in der Moralphilosophie Adornos nicht rationalisierbare Maxime: Das Tötungstabu. Erst eine Umwälzung, die sowohl das Versprechen glaubhaft macht, nicht zu töten oder eine kleine Gruppe von Kadern permanent über die unmündige Masse zu erheben, als auch über herkömmlichen Reformismus hinausreicht, könnte dem Ideal der unmündigen Masse in Maoismus und Sowjetkommunismus ebenso entgegentreten wie der Atomisierung von Individuen in der bürgerlichen Gesellschaft.

Zur Person:
Dr. Felix Riedel ist freier Autor (u.a. Jungle World), führt das Weblog http://nichtidentisches.de und forscht zu den Themen: Hexereivorstellungen und (moderne) Hexenjagden, Gewaltanthropologie, Antisemitismus und Islamismus, Genozidforschung, Kritische Theorie, Kulturindustrie, Medienethnologie und Filmanalyse, Mensch-Natur.

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