Panel 7: Staat und Revolution

Freitag, 9-12 Uhr


Referent: Ingo Elbe
Titel: „Revolutionstheorie und ihre Kritik bei Marx“
Ankündigungstext:

Marx, der Theoretiker des ‚historisch unvermeidlichen Sieges der proletarischen Revolution‘, die Kritik der politischen Ökonomie als ‚wissenschaftlicher Ausdruck proletarischen Klassenbewusstseins‘, als positive Wissenschaft eines naturwüchsigen Emanzipationsprozesses, zumindest des Zusammenbruchs der kapitalistischen Produktionsweise – so haben es der klassische Marxismus und seine bürgerlichen Kritiker tradiert. Tatsächlich verarbeitet Marx v.a. in seinen früheren Schriften traditionelle geschichtsphilosophische und politökonomische Motive zu einem revolutionstheoretischen Modell, das im wesentlichen Verelendung und historische Mission des Proletariats, spontane Entzauberung der Alltagsverhältnisse, Universalität proletarischen Leidens sowie unilineare Evolution der Produktivkräfte als notwendige und hinreichende Bedingungen
für die Bildung revolutionärer Subjektivität und gelingender Umwälzung des Kapitalismus unterstellt.

Der Vortrag soll demgegenüber zeigen, dass sämtliche dieser revolutionstheoretischen Vorstellungen und Kriterien von Marx‘ ausgearbeiteter Ökonomiekritik systematisch widerlegt werden, wobei sowohl werkimmanente Lernprozesse als auch bleibende Ambivalenzen im Verhältnis zur Geschichtsphilosophie beleuchtet werden sollen. Damit wird der wissenschaftliche Kern der Kritik der politischen Ökonomie als ’negative Theorie in praktischer Absicht‘ erkennbar, Marx als Kritiker auch des proletarischen Klassenbewusstseins sichtbar, als Kritiker geschichtsphilosophischer und politökonomischer Denkformen, der in seiner negativ-desillusionierenden Haltung gegenüber der Arbeiterbewegung das ‚polizeilich Erlaubte und logisch Unerlaubte‘ ihrer Sozialismusvorstellungen nachweist. Die These lautet: Nicht die Revolution, sondern ihre Unwahrscheinlichkeit und ihr Scheitern in ihren bisherigen Formen können mit Marx erklärt werden – und das ist nicht wenig.


Referent: Alexander Neupert-Doppler
Titel: „Staatsfetischismus – Kritik an Staatssozialismus & Sozialstaat nach Marx bzw. Formkritik und/oder Hegemonietheorie“
Ankündigungstext: folgt


Referent: Felix Riedel
Titel: „Dystopischer Marxismus – Zur Dialektik von Planwirtschaft, Maoismus und Revolution“
Ankündigungstext:

In der Marx’schen Utopie sollte dem „Seufzer der bedrängten Kreatur“ Gehör verliehen werden und die Geschichte der Unfreiheit und Klassenkämpfe enden. Historisch aber führten die sozialistischen Experimente ausschließlich in Massenmord, Versklavung und Diktaturen – in Dystopien ohne Tötungstabus. Schon 1908 befürwortete Lenin, Gegner einer kommenden Revolution „an die Wand zu stellen“. Am 6. Juli 1918 setzte mit der Doktrin des „roten Gegenterrors“ die „Vernichtung der Bourgeoisie als Klasse“ (Martyn Iwanowiz Lazis, 1919) ein, die nicht nur den „weißen Terror“, sondern linke Gegner und ökonomische Schichten ins Visier nahm. Die Aneignung der Staatsorgane durch eine für den Terrorismus bereite Minderheit ist ein strukturelles und nicht akzidentielles geschichtliches Phänomen. Die Dialektik der Planwirtschaft beinhaltete nicht nur, dass der antireligiöse Empirismus in den Okkultismus der Lyssenko-Doktrin umschlug und demozidale Hungersnöte auslöste oder forcierte – sondern auch, dass Hungersnöte und wahllose Dezimierung als Waffe verwendet werden konnten. Weil Vermittlung ohne freie Konkurrenz zwangsläufig Planwirtschaft bedeutet, war die Konsequenz des Maoismus die Abschaffung der Vermittlung: Sie setzten den Bauern als Ideal. Gerade das Bewusstsein der Reichweite und Zählebigkeit von Kategorien wie Konkurrenz, Opfer und Tausch führt zur Vorstellung einer Rückkehr zur Unmittelbarkeit, letztlich zu Pol Pots antiurbanen Kambodscha. Dieser Maoismus lässt sich paradoxerweise mit dem Bewusstsein kritischer Theorie parallelisieren, die ebenso darauf insistiert, wie tief das Tauschverhältnis reicht und wie tief Gesellschaft sich umwälzen müsste. Adornos romantische Utopie von der Abschaffung des Tauschprinzips und dem Stillstand („rien faire comme une bête“) unterscheidet sich von der maoistischen vor allem durch eine in der Moralphilosophie Adornos nicht rationalisierbare Maxime: Das Tötungstabu. Erst eine Umwälzung, die sowohl das Versprechen glaubhaft macht, nicht zu töten oder eine kleine Gruppe von Kadern permanent über die unmündige Masse zu erheben, als auch über herkömmlichen Reformismus hinausreicht, könnte dem Ideal der unmündigen Masse in Maoismus und Sowjetkommunismus ebenso entgegentreten wie der Atomisierung von Individuen in der bürgerlichen Gesellschaft.

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