Panel 6: Hauptwidersprüche

Donnerstag, 14-17 Uhr


Referent: Marlon Lieber
Titel: „Wertgesetz, Rassismus und die „relative Überbevölkerung'“
Ankündigungstext:

Ingo Elbe beendet seine umfassende Untersuchung der bundesdeutschen „neuen Marx-Lektüre“ mit dem Vorschlag, dass die Rekonstruktion und Reinterpretation der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie u.a. an Peter Schmitt-Egners 1978 veröffentlichtem Aufsatz „Wertgesetz und Rassismus: Zur begrifflichen Genesis kolonialer und faschistischer Bewußtseinsformen“ anschließen solle. Eben dies möchte dieser Vortrag versuchen, indem gefragt wird, ob Das Kapital – und insbesondere dessen 23. Kapitel – nicht den Schlüssel zu einer möglichen Aktualisierung der Thesen Schmitt-Egners bietet. Eine zentrale These seines Aufsatzes war, dass die Gewaltverhältnisse in den Kolonien als immer schon durch den kapitalistischen Weltmarkt vermittelt gedacht werden müssen – anstatt wie Frantz Fanon dort bloß ein unmittelbares Gewaltverhältnis vorzufinden. An Fanon anschließend argumentieren heutzutage sogenannte „Afro-Pessimists“ (eine Gruppe von meist amerikanischen Theoretiker*innen um Frank Wilderson), dass die Moderne (ontologisch) durch „anti-Blackness“ strukturiert sei. Letztere wird dann, wie bei Fanon, als unmittelbares Herrschaftsverhältnis (v)erkannt. Die Wende zur politischen Ontologie geht hier einher mit einer Abkehr von der Beschäftigung mit der politischen Ökonomie; das sozialistische Projekt wird letztlich auf eine „weiße“ (oder präziser: nicht-schwarze) Angelegenheit reduziert. Eine Relektüre des Kapital kann m.E. jedoch jenseits der Ontologisierung von Kategorien der „Rasse“ mehr zum Verständnis des Rassismus – wenn auch notwendigerweise nur auf einer relativ abstrakten, formanalytischen Ebene – beitragen, als es Marx häufig zuerkannt wird, ohne dabei Rassismus rein funktionalistisch oder psychologisch zu begreifen. Gerade die von Marx im 23. Kapitel entfaltete Akkumulationsdynamik, bringt immer wieder aufs Neue ökonomisch „Überflüssige“ hervor, die dann mittels „rassischer“ Kategorien klassifiziert werden können. Daraus folgt dann aber (gegen die „Afro-Pessimists“), dass etwa die immer wieder gegen Afro-Amerikaner ausgeübte Gewalt als durch die Kapitalakkumulation vermittelt begriffen werden muss, anstatt (undialektisch) als Wesensmerkmal der Moderne missverstanden zu werden.


Referent: Lars Rensmann
Titel: „Identität und Innuendo: Zur Rekonstruktion der postmarxistischen Antisemitismusanalyse Adornos“
Ankündigungstext: folgt


Referentin: Roswitha Scholz
Titel: „Geschlechterverhältnis und Kapitalismus“
Ankündigungstext:

In dem Vortrag wird thesenhaft die Theorie der Wert-Abspaltung als feministische „Big Theory“ vorgestellt, die nach dem Zusammenbruch des Ostblock-Sozialismus und den Krisenentwicklungen seit 2008 einer neuen Qualität des kapitalistischen Patriarchats Rechnung tragen will. Danach findet eine Abspaltung des Weiblichen vom Wert, der abstrakten Arbeit statt. Nicht nur die Reproduktionstätigkeiten, „Liebe“, Hege, Pflege u. ä., werden „der Frau“ zugeteilt, auch Sinnlichkeit, Emotionalität, Verstandes- und Charakterschwäche usw. werden vom männlichen Subjekt abgespalten und ihr zugeschrieben. Diese historisch-dynamische Grundstruktur prägt die gesamte Gesellschaft. Wenn die Institutionen Familie und Erwerbsarbeit im Zuge des „Kollaps der Modernisierung“ heute erodieren, verwildert das nicht emanzipatorisch aufgehobene kapitalistische Patriarchat nur. Männer werden nun, ob des Obsoletwerdens der abstrakten Arbeit,„hausfrauisiert“ (Claudia von Werlhof), Frauen sind für Geld/Leben/Überleben in zunehmend prekären Verhältnissen zuständig.

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