Panel 6: Hauptwidersprüche

Wann? Donnerstag, 14-18 Uhr
Wo? Raum A 9/10 (A-Gebäude)
Moderation/Betreuung: Lukas Harmeling, David Schmidt


Referent: Marlon Lieber
Titel: „Wertgesetz, Rassismus und die „relative Überbevölkerung'“
Ankündigungstext:

Ingo Elbe beendet seine umfassende Untersuchung der bundesdeutschen „neuen Marx-Lektüre“ mit dem Vorschlag, dass die Rekonstruktion und Reinterpretation der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie u.a. an Peter Schmitt-Egners 1978 veröffentlichtem Aufsatz „Wertgesetz und Rassismus: Zur begrifflichen Genesis kolonialer und faschistischer Bewußtseinsformen“ anschließen solle. Eben dies möchte dieser Vortrag versuchen, indem gefragt wird, ob Das Kapital – und insbesondere dessen 23. Kapitel – nicht den Schlüssel zu einer möglichen Aktualisierung der Thesen Schmitt-Egners bietet. Eine zentrale These seines Aufsatzes war, dass die Gewaltverhältnisse in den Kolonien als immer schon durch den kapitalistischen Weltmarkt vermittelt gedacht werden müssen – anstatt wie Frantz Fanon dort bloß ein unmittelbares Gewaltverhältnis vorzufinden. An Fanon anschließend argumentieren heutzutage sogenannte „Afro-Pessimists“ (eine Gruppe von meist amerikanischen Theoretiker*innen um Frank Wilderson), dass die Moderne (ontologisch) durch „anti-Blackness“ strukturiert sei. Letztere wird dann, wie bei Fanon, als unmittelbares Herrschaftsverhältnis (v)erkannt. Die Wende zur politischen Ontologie geht hier einher mit einer Abkehr von der Beschäftigung mit der politischen Ökonomie; das sozialistische Projekt wird letztlich auf eine „weiße“ (oder präziser: nicht-schwarze) Angelegenheit reduziert. Eine Relektüre des Kapital kann m.E. jedoch jenseits der Ontologisierung von Kategorien der „Rasse“ mehr zum Verständnis des Rassismus – wenn auch notwendigerweise nur auf einer relativ abstrakten, formanalytischen Ebene – beitragen, als es Marx häufig zuerkannt wird, ohne dabei Rassismus rein funktionalistisch oder psychologisch zu begreifen. Gerade die von Marx im 23. Kapitel entfaltete Akkumulationsdynamik, bringt immer wieder aufs Neue ökonomisch „Überflüssige“ hervor, die dann mittels „rassischer“ Kategorien klassifiziert werden können. Daraus folgt dann aber (gegen die „Afro-Pessimists“), dass etwa die immer wieder gegen Afro-Amerikaner ausgeübte Gewalt als durch die Kapitalakkumulation vermittelt begriffen werden muss, anstatt (undialektisch) als Wesensmerkmal der Moderne missverstanden zu werden.

Zur Person: Marlon Lieber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Englischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Des weiteren ist er Doktorand am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt und steht kurz vor der Abgabe seiner Dissertation, welche die Romane des afro-amerikanischen Schriftstellers Colson Whitehead untersucht. Neben Publikationen u.a. zu afroamerikanischer Literatur und Kultur bereitet er (gemeinsam mit Dennis Büscher-Ulbrich) derzeit einen Sammelband vor, der sich – anlässlich des 200. Geburtstages
von Karl Marx im kommenden Jahr – der Rolle des Marxismus in den USA widmet.


Referentin: Roswitha Scholz
Titel: „Geschlechterverhältnis und Kapitalismus“
Ankündigungstext:

In dem Vortrag wird thesenhaft die Theorie der Wert-Abspaltung als feministische „Big Theory“ vorgestellt, die nach dem Zusammenbruch des Ostblock-Sozialismus und den Krisenentwicklungen seit 2008 einer neuen Qualität des kapitalistischen Patriarchats Rechnung tragen will. Danach findet eine Abspaltung des Weiblichen vom Wert, der abstrakten Arbeit statt. Nicht nur die Reproduktionstätigkeiten, „Liebe“, Hege, Pflege u. ä., werden „der Frau“ zugeteilt, auch Sinnlichkeit, Emotionalität, Verstandes- und Charakterschwäche usw. werden vom männlichen Subjekt abgespalten und ihr zugeschrieben. Diese historisch-dynamische Grundstruktur prägt die gesamte Gesellschaft. Wenn die Institutionen Familie und Erwerbsarbeit im Zuge des „Kollaps der Modernisierung“ heute erodieren, verwildert das nicht emanzipatorisch aufgehobene kapitalistische Patriarchat nur. Männer werden nun, ob des Obsoletwerdens der abstrakten Arbeit,„hausfrauisiert“ (Claudia von Werlhof), Frauen sind für Geld/Leben/Überleben in zunehmend prekären Verhältnissen zuständig.

Zur Person:
Roswitha Scholz, geb. 1959; Dipl. Sozialpädagogin (FH); zweiter Bildungsweg; Studium der Soziologie, Pädagogik, Philosophie und anderen Fächern querbeet an der philosophischen Fakultät; freie Publizistin; etliche Publikationen in linken Zeitschriften/Sammelbänden; Buchpublikationen: Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats (2000/2011), Differenzen der Krise – Krise der Differenzen. Die neue Gesellschaftskritik im globalen Zeitalter und der Zusammenhang von „Rasse“, Klasse, Geschlecht und postmoderner Individualisierung (2005); Arbeitsschwerpunkte: Feministische Theorie und radikale gesellschaftliche Formkritik, Intersektionalität, Erkenntnistheorie, „Zeitgeist“.


Referent: Lars Rensmann
Titel: „Identität und Innuendo: Zur Rekonstruktion der postmarxistischen Antisemitismusanalyse Adornos“
Ankündigungstext:

Adornos Kritische Theorie ist nicht ohne Marx zu denken. Nichtsdestoweniger ist Adornos Theoriebildung auch davon geprägt, kritisches Denken und historischen Materialismus von Marxscher und marxistischer Orthodoxie zu befreien. Ein wesentlicher Grund dafür, der solche Veränderung erforderlich machte, und zugleich ein bedeutendes soziales Phänomen, das historischer und gegenwärtiger Analyse bedarf, ist der moderne Antisemitismus — sowie die Bedeutung des Erbes der Shoah für Politik und Gesellschaft. Der Vortrag fokussiert Grundlagen der Antisemitismustheorie der Kritischen Theorie und würdigt ihren bahnbrechenden, nach wie vor maßgeblichen und aktuellen Beitrag zur Analyse des modernen Antisemitismus auch nach dem Holocaust und im 21.Jahrhundert. Besondere Beachtung finden dabei Adornos kritische Auseinandersetzung mit Theorien der Objektifizierung; Identitätsdenken und –politik; Innuendo, Personifizierung und Verschwörungsmythen; und politischer Psychologie des Autoritarismus. Der Vortrag zeigt marxistische und andere Fehlinterpretationen der Kritischen Theorie auf, rekonstruiert zentrale theoretische Modelle, und beleuchtet die Relevanz der Kritischen Theorie Adornos als Quelle für die kritische Analyse der Ursachen, Phänomene und Formen eines zeitgenössischen Antisemitismus — und anderer Formen anti-demokratischer, autoritärer politischer Mobilisierung und verdinglichter Identitätspolitik in der “post-faktischen” Gegenwart.

Zur Person: Prof. Dr. Lars Rensmann ist Professor für Europäische Politik und Gesellschaft und Geschäftsführender Direktor des Fachbereichs Europäische Sprachen und Kulturen an der Rijksuniversiteit Groningen (Niederlande). Bis 2015 leitete er den Fachbereich Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der John Cabot University in Rom (Italien). Rensmann lehrte und forschte zudem u.a. an der University of Michigan, der Yale University, der University of California at Berkeley, der Haifa University (Israel), der Universität Wien, der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Humboldt Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin. Er ist der Autor zahlreicher Veröffentlichungen, u.a. The Politics of Unreason: The Frankfurt School and Antisemitism (SUNY Press, 2017), Arendt and Adorno: Political and Philosophical Investigations (Stanford UP, hrsg. mit Samir Gandesha, 2012), Politics and Resentment: Antisemitism and Counter-Cosmopolitanism in the European Union (Brill, hrsg. mit Julius H. Schoeps, 2011), Gaming the World: How Sports are Reshaping Global Politics and Culture (Princeton UP, mit Andrei S. Markovits, 2010), Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik (VS Verlag, 2005).

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