Panel 4: Soziale Kämpfe inkl. Diskussion

Wann? Donnerstag, 9-13 Uhr
Wo? Raum A 9/10 (A-Gebäude)
Moderation/Betreuung: Christian Humm, Matthias Rausch


Referentin: Eva Bockenheimer
Titel: „Proletarier*innen aller Länder, vereinigt Euch – Wenn wir fast alle gemeint sind, aber meistens nur über die anderen reden“
Ankündigungstext:

„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ Mit dieser berühmten Losung schließen Marx und Engels das „Kommunistische Manifest“ und strahlen dabei die Sicherheit aus, dass nichts und niemand die proletarische Revolution stoppen kann – nicht zuletzt, weil die Arbeiterklasse massenmäßig haushoch überlegen ist. Aber hat diese Losung heute noch einen Sinn? Jahrzehnte hat ein Großteil der Linken der Orientierung am Proletariat abgeschworen oder behauptet, dass es ohnehin keine Arbeiterklasse mehr gebe. Seit Neuestem wird nun in linken Kreisen wieder darüber diskutiert, ob es nicht doch wichtig wäre, sich der Klassenfrage zuzuwenden. In diesen Diskussionen fällt auf, dass viele beim Wort „Proletarier*in“ das Bild eines männlichen Fabrikarbeiters oder einer weiblichen Reinigungskraft im Kopf haben, verbunden mit einem bestimmten Habitus; oder sie denken an Textilarbeiter*innen in Bangladesch. Somit reden sie zumeist über andere, nicht über sich selbst. Marx und Engels geben dagegen einen Begriff des Proletariats: Demnach gehören im weiteren Sinne alle Menschen zur Arbeiterklasse, die von den Produktionsmitteln getrennt und genötigt sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um zu leben; und im engeren Sinne vor allem diejenigen, die innerhalb eines Unternehmens zur Mehrwertproduktion beitragen – gleichgültig, welche Tätigkeit sie dabei verrichten. Sie mögen dabei mit einem hohen Gehalt bestochen und „verbürgerlicht“ sein, sie mögen privat in kleine Aktienfonds investieren oder etwas geerbt haben, sie mögen akademisch gebildet sein – solange sie dennoch ihre Arbeitskraft verkaufen müssen und vielleicht sogar als sogenannte „produktive Arbeiter*innen“ zur Mehrwertproduktion beitragen – unterliegen sie direkt oder indirekt dem im Kapitalismus zugrundeliegenden Ausbeutungsverhältnis. Selbstverständlich gibt es massive Unterschiede im Grad der Armut und der Ausbeutung von Arbeiter*innen, die man auch benennen sollte. Aber dennoch zeigt sich, wenn man den marxistischen Begriff des Proletariats zugrunde legt: Wir sind fast alle gemeint – und reden oft nur über die anderen! Das ist deshalb fatal, weil wir für die anderen nur kämpfen können, wenn wir dabei auch für uns selbst kämpfen. In diesem Vortrag soll es um die Frage gehen, wie uns diese Erkenntnis dabei helfen kann, eine zukünftige linke politische Strategie zu entwickeln.

Zur Person: Eva Bockenheimer promovierte mit einer Arbeit über Hegel, ist aktuell in der gewerkschaftlichen Bildungs- und Beratungsarbeit tätig und leitet in Köln den Philosophieverein „Club Dialektik“.


ReferentInnen: Judith Dellheim
Titel: „‚Intersectionality‘ ist nur mit dem Marxschen Erbe wirklich radikal“
Ankündigungstext:

„Runde Marx-Geburtstage“ sind zumindest seit dem 100. Jubiläum Anlass für eine erneute öffentliche Auseinandersetzung mit dem Autor und nicht immer eine ehrliche Auseinandersetzung mit seinem Werk. Für jene, die mit dem Marxschen Erbe „die Welt“ begreifen und humanistisch umgestalten wollen, hat Ernst Bloch 1968 eine Orientierung gegeben: „aufrechter Gang, konkrete Utopie“ bei der Aneignung des Marxschen Erbes, bei seiner Befreiung von stalinistischer und dogmatischer Sterilität, von Verfälschung und Instrumentalisierung; im Kampf gegen die Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen. Bloch hoffte auf einen 200. Marx-Geburtstag in einer Welt ohne tödlichen Rassismus, ohne Hungersnöte und Faschismus. Die Geschichte hat seinen Optimismus letztendlich nicht bestätigt. Das zwingt zur Klärung des „Warum es so ist wie es ist und welchen eigenen Anteil man daran hat?“. So ist „Marx200“ eine Herausforderung zur radikalen Selbstkritik und zur radikalen Kritik der kapitalistischen Produktionsweise und der gesellschaftlichen Zustände, die mit ihr verknüpft sind, sowie der Ideologien, die sie stützen. Dazu gehört die Einsicht, dass die Erkenntnis der Endlichkeit und Spezifik der Marxschen Theorie eine zentrale Bedingung für ihre Erneuerung und Aktualisierung ist. Dies lässt sich z.B. in der Auseinandersetzung mit der Intersektionalitäts-Debatte zeigen. Aus dem Bestreben, der zunehmenden Exklusion kritischer Theorie aus der institutionalisierten Wissenschaft zu entgehen, befördert diese Debatte ihren neoliberalen Gebrauch: Sie untersucht und diskutiert zwar individuelle und gruppenbezogene Diskriminierungspraktiken nach Persönlichkeitsmerkmalen, aber betreibt dies nicht im Kontext mit der radikalen Analyse und Kritik der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse insgesamt. Daher orientiert sie sich letztendlich auch nicht auf die zu entfaltende solidarische Intersektionalität der emanzipativen Kämpfe. Unser Beitrag soll jedoch im Sinne Blochs, das Marxsche Erbe nutzend, die Intersektionlitätsdebatte kritisieren und zugleich ein Diskussionsangebot für ein emanzipativ-solidarisches Verständnis von Intersektionalität der gesellschaftlichen Kämpfe und für eine darauf beruhende Praxis entwickeln.

Zur Person (Judith Dellheim):
Judith Dellheim ist Referentin am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung und arbeitet zu Fragen der sozialökologischen Transformation (darunter Solidarische Ökonomie) unter besonderer Berücksichtigung der EU-Ebene. Sie ist Autorin und Herausgeberin der ersten beiden Bände in der Buchreihe „Luxemburg International Studies in Political Economy“ und kann auf viele Publikationen verweisen. Darüber hinaus ist sie in verschiedenen sozialen Bewegungen und in der Partei DIE LINKE. aktiv.

Zur Person (Frieder Otto Wolf):
Frieder Otto Wolf lehrt Philosophie an der Freien Universität Berlin und forscht u.a. zu Problemen von Ökologie und Sozialismus/Kommunismus. Er gibt eine deutsche Ausgabe der Schriften Louis Althussers heraus. Publikationen (u.a.): Radikale Philosophie (2002, 2009), Rückkehr in die Zukunft (2012). Mitherausgeber der Buchreihe „Luxemburg International Studies in Political Economy“.


Referent: Thorsten Mense
Titel: „Volk statt Klasse? Populismus und ‚Identität‘ als postmoderne Formen des Widerstandes.“
Ankündigungstext:

Volk statt Klasse? Populismus und ,Identität‘ als postmoderne Formen des Widerstandes

Seit einigen Jahren erleben wir ein massives revival des Identitätsbegriffs, besonders in rechten, aber auch in linken sozialen Bewegungen. ,Identität‘ ist derzeit das scheinbar erfolgreichste Konzept, sich als Instrument des Widerstandes gegen die Zumutungen des Kapitalismus zu präsentieren. Die Erfolge rechter PopulistInnen und NationalistInnen in den USA sowie in Europa gründen auf diesem Identitätsangebot und dem damit verbundenen Versprechen, Teil von etwas Größerem zu sein, was zugleich mit der Benennung von Schuldigen einhergeht: die Elite, die MigrantInnen, die Globalisierung. In Katalonien kann man derzeit besonders eindrucksvoll – hier z.T. unter linken Vorzeichen – die Mobilisierungsfähigkeit nationaler Identität beobachten, die alle sozialen Krisenproteste der letzten Jahre weit übersteigt.

Warum sich nicht zuletzt auch das Proletariat eher als ,Volk‘, und nicht als Klasse betrachtet und aktuell vor allem rechtspopulistischen und neofaschistischen Parteien zuwendet, wird vor allem seit dem Erscheinen von Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ wieder viel diskutiert. Die Antwort auf das Erstarken rechter Bewegungen besteht vielerorts darin, einen linken Populismus zu begründen. Er stellt eine Reaktion auf die politische Heimatlosigkeit der Unzufriedenen dar, die die Linke ratlos zurücklässt und welche die Rechte für sich zu nutzen weiß. Aber auch der Linkspopulismus zieht – wie sein Pendant auf der rechten Seite – seine Stärke daraus, dass er nicht auf Inhalte und Gesellschaftskritik setzt, sondern auf ein identitäres Angebot und die falsche Gegenüberstellung von ,Volk‘ und Elite. Identität ist aber keine emanzipatorische Antwort auf den Kapitalismus und die durch ihn produzierte Ungleichheit und Unfreiheit. Ganz im Gegenteil ist das Bedürfnis nach kultureller und nationaler Identität gerade eine Folge der Ohnmacht und fehlenden Selbstbestimmung, die sich in der regressiven Sehnsucht nach natürlicher Gemeinschaft niederschlägt. Anstatt sich an solchen identitären Kämpfen zu beteiligen, sollte radikale Kritik sich damit beschäftigen, woher dieses identitäre Bedürfnis kommt – und was eine linke Antwort darauf sein könnte.

Zur Person: Thorsten Mense ist Soziologe, freier Autor und Journalist, tätig u. a. für die Wochenzeitung Jungle World sowie das Monatsmagazin Konkret. Studium der Politikwissenschaften in Heidelberg, Barcelona und Göttingen, Promotion in Hannover bei Detlev Claussen zur Kritischen Theorie des Nationalismus und linksnationalistischen Befreiungsbewegungen in Katalonien und im Baskenland. Mitglied des Forums für kritische Rechtsextremismusforschung (FKR). Wichtige Publikation: „Kritik des Nationalismus“.


Referentin: Lena Rackwitz
Titel: „Ökonomischer und politischer Aufstand heute'“
Ankündigungstext:

Der politische Aufstand für die politische Emanzipation und der Klassenkampf als ökonomischer Aufstand gehören beide als partikulare Anteile zur menschlichen Befreiung. Die Restlinke spaltete sich in einen auf die soziale Frage und einen auf die politische Emanzipation und Kritik an regressiven Bewegungselementen fokussierten Teil, obschon beides miteinander vermittelt gehörte und schon Marx in seinen „kritischen Randglossen zu dem Artikel „Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen.““ schrieb, daß „Wie die heillose Isolierung von diesem Wesen unverhältnismäßig allseitiger, unerträglicher, fürchterlicher, widerspruchsvoller ist als die Isolierung vom politischen Gemeinwesen, so ist auch die Aufhebung dieser Isolierung und selbst eine partielle Reaktion, ein Aufstand gegen dieselbe um so viel unendlicher, wie der Mensch unendlicher ist als der Staatsbürger, und das menschliche Leben als das politische Leben.“

Zur Person: Lena Rackwitz hält Vorträge und schreibt u.a. für die Jungle World.


DiskussionsteilnehmerInnen: Eva Bockenheimer, Judith Dellheim, Thorsten Mense, Lena Rackwitz

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