Panel 3: … und Utopie

Donnerstag, 9-11 Uhr


Referent: Jan Hoff
Titel: „Zwei Grundzüge von Marx‘ Konzept einer sozialistischen Gesellschaft“
Ankündigungstext:

Marx leistet in seiner Kritik der politischen Ökonomie eine kritische Formtheorie des Werts und von ökonomischen Kategorien, die einer spezifisch-historischen Vergesellschaftungsweise der Arbeit entsprechen, welche es bei der Errichtung einer befreiten Gesellschaft zu beseitigen gilt. Obwohl Marx in seiner Ökonomiekritik kein ausformuliertes Sozialismuskonzept erarbeitete, können zentrale Momente seines emanzipationstheoretischen Denkens rekonstruiert werden. Dabei kann die Marxsche Vision einer postkapitalistischen, befreiten Gesellschaft im Sinne eines auf zwei Ebenen gelagerten Autonomiebegriffs gedeutet werden. Einerseits geht es um das „Bemeistern“ des gesellschaftlichen Produktionsprozesses durch die assoziierten Produzenten – als Alternative zur kapitalistischen Ökonomie, die sich der bewussten Kontrolle und Gestaltung durch die unmittelbaren Produzenten entzieht. Andererseits ist der Begriff von „disposable time“ als Grundbedingung der freien und vollen Entwicklung des Individuums von entscheidender Bedeutung. Diese beiden Ebenen werden von Marx nicht einander entgegengestellt, sondern sind als tragende Säulen seines Sozialismusbegriffs zusammen zu denken.


Referent: Jochen Gimmel
Titel: „Die Utopie eines Reichtums an Zeit“
Ankündigungstext:

„[W]ahrer Reichtum“ ist „Zeit, die nicht durch unmittelbar produktive Arbeit absorbiert wird, sondern […] zur Muße, und […] Entwicklung [der Fähigkeiten] Raum gibt.“ (MEW26.3,252) Ich möchte versuchen die Idee eines ‚Zeitreichtums’ als Kernelement der Marx’schen ‚Utopie’ auszuweisen und darzulegen, inwiefern im Rekurs darauf Gesellschaftskritik aktuell und radikal begründet werden kann.

Arbeit ist bei Marx ein ambivalenter Begriff: Während die „kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt“ (MEW 3, 70), wird Arbeit andererseits nicht bloß als Quelle von Werten angesehen, sondern auch als das eigentliche Medium menschlicher Selbstverwirklichung. ‚Schlechte’ Arbeit unterscheidet sich von ‚guter’ Arbeit durch Entfremdung. Entfremdung kann nun aber gerade durch die Qualität des Umgang mit Zeit gekennzeichnet werden: Entfremdung setzt da ein, wo man Zeit weder auf eigene Zwecke verwendet noch genießt, sondern wo sie „durch den Zwang eines äußeren Zwecks bestimmt ist“ (MEW,26.3,253). Selbstverwirklichung dagegen läge in der Möglichkeit, seine Zeit als Reichtum zu betrachten, d.h. sich in ihr Selbstzweck zu sein „teils zum Genuß der Produkte, teils zur free acivitiy“ (ebd.). Zeit als Reichtum meint also wesentlich Selbstentfaltung.

Ich möchte mit einer solchen Interpretation explizit gegen eine Auslegung von Marx argumentieren, die „Arbeit als Lebensbedürfnis, als den ‚verdammtesten Ernst’“ (MEW42,XIX) zum Selbstzweck erhebt, – „daß Arbeit“ also vielmehr „in keiner Gestalt, der des Fleißes der Hände so wenig wie der geistiger Produktion, zu hypostasieren sei.“ (Adorno GS6,180) In Auseinandersetzung mit Lafargues Recht auf Faulheit und Proudhons Text zur Sonntagsfeier soll die Idee eines selbstzweckhaften Zeitreichtums bei Marx ausgearbeitet werden. Wo Produktivität nicht bloß das Maß erreicht hat, das eine Befreiung der Menschheit materiell ermöglichen würde, sondern wo sie in ihrer hypostasierten Form zu einer Bedrohung derselben geworden ist, meint ‚Reichtum an Zeit’ eine Utopie, die radikale Kritik und realen Widerstand auszeichnen könnte.

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