Panel 2: Moral …

Wann? Mittwoch, 14-18 Uhr
Wo? Raum P 12 (P-Gebäude)
Moderation/Betreuung: Katrin Henkelmann, Andreas Stahl


Referentin: Sabine Hollewedde
Beitragstitel: „Freiheit, Gleichheit, Eigentum, Bentham? Zur Bedeutung der Marxschen Idealismus-Kritik für die Kritik der kapitalistischen Gesellschaft“
Ankündigungstext:

Die Marxsche Kritik ist auf Emanzipation gerichtet. Emanzipation bedeutet für Marx die gesellschaftliche Befreiung vom Kapitalverhältnis und unterscheidet sich damit grundlegend von einem bürgerlich-liberalen Begriff individueller Freiheit. In der klassischen deutschen Philosophie entwickelte sich eine Idee der Freiheit, deren Gehalte Marx schon früh auf die Realität der Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft bezog und kritisierte. Die Marxsche Kritik der bürgerlichen Gesellschaft vollzieht den (notwendigen) Schritt über die Philosophie hinaus: Die Überwindung der klassischen deutschen Philosophie durch eine kritische Theorie der Gesellschaft.

An dem für die bürgerliche Gesellschaft und die philosophischen Theorien über diese Gesellschaft zentralen Begriff der Freiheit lässt sich aufzeigen, dass für Marx Idealismus- und Gesellschaftskritik zusammengehören. ‚Freiheit‘ wird von Marx bezogen auf ihre Realisierung in der bürgerlichen Gesellschaft. Anders aber als für Hegel ist für Marx diese Freiheit nicht innerhalb der Verwirklichung des Geistes zu bestimmen, sondern zu beziehen auf die Unterordnung der Individuen unter den kapitalistischen Produktionsprozess. Daher beinhaltet der Begriff der Freiheit bei Marx eine Dialektik und ist mit Herrschaft verknüpft – und diese Dialektik ist nicht a priori in einen Fortschritt des Geistes aufzulösen. Im Vortrag soll aufgezeigt werden, wie Marx in der Kritik der politischen Ökonomie zugleich Kritik am Idealismus übte und damit auch, wie zentral die Kritik idealistischer Dialektik für eine kritische Theorie heute ist.

Zur Person: Doktorandin und Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Vorher: Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück und Studium der Philosophie an der Universität Oldenburg.


Referent: Urs Lindner
Beitragstitel: „Marx und der soziale Egalitarismus“
Ankündigungstext:

Was sind die normativen Grundlagen des ‚Vereins freier Menschen’? Welche Rolle spielt Gleichheit darin? – Marx ist diesen Fragen nicht nachgegangen. Im Gegenteil, es erscheint aus seiner Perspektive sogar zweifelhaft, ob eine derartige Fragestellung überhaupt sinnvoll ist. Gleichheit wird bei Marx im Allgemeinen mit Tauschgleichheit, juridischer Gleichbehandlung oder distributiver Gerechtigkeit identifiziert und auf diese Weise historisch relativiert. Andererseits ist es ziemlich offenkundig, dass die marxsche Kritik der Ausbeutung wie auch die Rede von einer ‚höheren Gesellschaftsform, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist’ eine bestimmte Gleichheitskonzeption voraussetzen.

Mein Vortrag bearbeitet dieses Paradox anhand der gegenwärtigen Egalitarismusdiskussion innerhalb der politischen Philosophie. Seit einiger Zeit ist dort eine Sichtweise im Aufwind, die Gleichheit strikt relational denkt, d.h. primär als Frage (un-)gleicher Machtverhältnisse und Statusordnungen und erst sekundär als eine der Güterverteilung. Meine These ist eine doppelte: Einerseits kann die relationale Gleichheitskonzeption helfen, normativen Sinn aus Marx zu machen. Andererseits wird der soziale Egalitarismus sein radikales Potenzial erst dann entfalten, wenn er bestimmte Einsichten der marxschen Kritik der politischen Ökonomie ernst nimmt.

Zur Person: Urs Lindner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt und schreibt dort eine Habilitation über Gleichstellungspolitik. Weitere Stationen: ETH Zürich, Postwachstumskolleg der Universität Jena, University of Pennsylvania/Philadelphia und Centre for the Study of Developing Societies/Delhi. Seine Dissertation erschien 2013 bei Schmetterling unter dem Titel ‚Marx und die Philosophie. Wissenschaftlicher Realismus, ethischer Perfektionismus und kritische Sozialtheorie‘.


Referentin: Christine Zunke
Beitragstitel: „Ohnmacht der Moral“
Ankündigungstext:

Marxismus ist eine moralische Gesellschaftskritik. Der Begriff der Ausbeutung ist ein moralischer Begriff, der selbst schon über bürgerliche Moralvorstellungen und die kapitalistische Gesellschaft hinausweist. So schreibt Marx im Kapital, dass es ein Pech, aber kein Unrecht sei, lohnarbeiten zu müssen. Den ArbeiterInnen widerfährt an keiner Stelle des Ausbeutungsprozesses ein Unrecht, weil sie immanent der bürgerlichen Moral genau für das bezahlt werden, was sie leisten: einen Tag Arbeit gegen einen Tag Reproduktionskosten. Das Unrecht wird erst sichtbar, wenn das Prinzip der Mehrwertproduktion und hierüber der Mechanismus der spezifischen kapitalistischen Ausbeutung erkannt wird, d.h. in der Kritik der politischen Ökonomie.

Die unbedingte Macht der Moral in der theoretischen Formulierung einer radikalen Herrschaftskritik wandelt sich in der revolutionären Praxis in bedingungslose Ohnmacht gegenüber der abzuschaffenden herrschenden Gewalt, die diesen moralischen Anspruch nicht teilt. Statt die Herrschaft abzuschaffen, muss sie (zunächst) übernommen werden, und zwar mit gewaltsamen Mitteln. In Bezug auf die bolschewistische Oktoberrevolution, bei der der ursprünglich humanitäre moralische Anspruch der Revolutionäre grandios scheiterte, diskutierten Trotzki und Kautsky kontrovers das Verhältnis von Zwecken und Mitteln einer sich moralisch legitimierenden Politik. Das machiavellische Prinzip des politischen Realismus, nach welchem der Zweck die Mittel rechtfertige, stößt dort an eine logische Grenze, wo das politische Ziel selbst ein moralisches ist.

Eine Lösung dieses Dilemmas liegt historisch in der Verabschiedung von einer unbedingten deontologischen Moral, welche die Menschheit unter Bedingungen ihrer realisierten Freiheit als Zweck setzt. Statt dessen bedient sich linke Theorie gerne an bürgerlich-kapitalistischen Moralkonzeptionen wie dem Utilitarismus und dem Recht der Gleichberechtigung aller Interessen, die unter den gegeben realpolitischen Verhältnissen weniger utopisch, d.i. weniger hilflos erscheinen. Nicht das Prinzip Ausbeutung, sondern die strukturelle Schädigung individueller Interessen wird so in den Fokus gerückt. In Folge ist nicht der Verein freier Menschen, sondern die immanente Realisierung bürgerlicher Freiheiten das Ziel linker Politik.

Der Begriff der Ausbeutung verkommt als unverstandenes Relikt zum Synonym für die strukturelle Nichtachtung (unterstellter) Interessen, so dass die ‚Ausbeutung‘ der Natur durch die Rodung der Regenwälder, das Anlegen von Genbanken oder die Massentierhaltung heute in der linken Szene präsenter ist, als die Ausbeutung der tariflich bezahlten LohnarbeiterInnen, deren Lebensstandard jener drückenden Not, welche Marx im Kapital anschaulich beschreibt, längst enthoben ist. Denn auch der Staat hat „Ein Hartz ♥ für Menschen“ (Kazim Akboga), um die in der kapitalistischen Produktion notwendig erzeugte Armut abzumildern.

Doch die Menschenfeindlichkeit des kapitalistischen Unrechts hat ihren Kern nicht in der Beschneidung individueller Bedürfnisbefriedigung, sondern darin, dass alle Bedürfnisbefriedigung bloßes Mittel der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums ist, nicht selbst Zweck. Nicht die Missachtung individueller Interessen, sondern ihre Formierung nach der spezifischen Form apersonaler Herrschaft wäre zu kritisieren. Eine begrifflich scharfe Gesellschaftskritik beginnt mit der Reflexion auf ihre unbedingte moralische Grundlage, ohne welche sich nicht begründen ließe, warum die Befreiung des Menschen nicht der Realisierung bürgerlicher Freiheiten für alle aufgehen kann.

Zur Person: Dr. Christine Zunke, Jahrgang 1974, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Hannover. Dort lehrt sie praktische und theoretische Philosophie und ist Mitbegründerin der Forschungsstelle kritische Naturphilosophie (FkN). Dr. Zunke studierte Philosophie, Kunstwissenschaft und Deutsche Literaturwissenschaften in Bremen und Hannover. Ihr Forschungsschwerpunkt der kritischen Naturphilosophie liegt auf der Schnittstelle zwischen Lebenswissenschaften und Gesellschaft. Sie habilitiert über den Lebensbegriff in der Biologie und zeigt hierbei insbesondere die Ursachen und Gefahren eines (modernen) Biologismus auf, der aus einem unscharfen Lebensbegriff resultiert.

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