Panel 1: Arbeit und Entfremdung

Wann? Mittwoch, 14-18 Uhr
Wo? Raum A 9/10 (A-Gebäude)
Moderation/Betreuung: Lukas Harmeling, Simon Szygula


Referent: Alexander Lingk
Titel: „Von Marx entfremdet. Zu einer nicht-essentialistischen Rekonstruktion der Marxschen Entfremdungstheorie“
Ankündigungstext:

Der Begriff der Entfremdung erlebte im letzten Jahrzehnt sowohl in der soziologischen Theorie (vgl. Rosa 2013 sowie 2016) als auch in der Sozialphilosophie (vgl. Jaeggi 2005) ein Revival. Seither wurde er nicht nur außerhalb marxistischer Zirkel wieder rezipiert, selbst die Feuilletons der bürgerlichen Presse griffen die Diskussionen immer wieder auf. Bemerkenswert dabei ist das offenbar vorhandene Bedürfnis, sich von Marx‘ Entfremdungsbegriff abzugrenzen und die alte These wieder aufzuwärmen, wonach dessen Theorie nicht ohne essentialistische Bestimmungen vom „Wesen des Menschen“ auskomme.

In meinem Vortrag möchte ich dieser These widersprechen und dafür plädieren, das Marxsche Frühwerk nicht vorschnell zu entsorgen. Ausgehend von paradigmatischen Marx-Kritiken (Althusser, Heinrich, Jaeggi) werde ich zeigen, dass seine Entfremdungstheorie entgegen deren Deutungen ohne essentialistische Vorstellungen vom Wesen oder der Natur des Menschen auskommt. Zwar sind einige von Marx‘ Formulierungen durchaus missverständlich und laden zu Fehlinterpretationen ein. Doch begreift man diese im Kontext und folgt seiner Argumentation, so gelangt man zu dem Ergebnis, dass der Essentialismusvorwurf ins Leere läuft.

Somit lässt sich mit Marx zwar nicht sagen, was der Mensch seiner Natur nach sei. Allerdings kann seine Entfremdungstheorie den Blick dafür schärfen, inwieweit unter kapitalistischen Verhältnissen ein gelingender Selbst- und Weltbezug systematisch untergraben wird. Die Frage, von was sich der Mensch entfremdet, ist nur negativ zu beantworten: von seinen eigenen Möglichkeiten und Potenzialen, die im real Gegebenen zwar ansatzweise erahnt, aber nicht zur Entfaltung gebracht werden können.

Die aktuellen Neuauflagen des Entfremdungsbegriffs, die ihn gegen Marx retten wollen, werden diesem also nicht nur nicht gerecht. Indem sie versuchen den Begriff aus dem Marxschen Kontext zu lösen, bringen sie ihn um seinen kritischen Gehalt. Dieser liegt nämlich gerade in der Verknüpfung einer subjekt- oder akteurszentrierten Perspektive mit einer Theorie des objektiven gesellschaftlichen Zusammenhangs, der kapitalistischen Totalität.

Zur Person:
Alexander Lingk studierte Politische Theorie, Soziologie und Erziehungswissenschaft in Rostock, Darmstadt und Frankfurt am Main. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Kritischer Theorie, Politischer Ökonomie und Materialistischer Staatstheorie.
Neuste Publikation: Möglichkeiten und Grenzen immanenter Gesellschaftskritik. Die Rolle der Metaphysik im Kritikmodus Kritischer
Theorie. In: D. Braunstein; G. Jurewicz; A. Martins (Hg.): „Der Schein des Lichts, der ins Gefängnis selber fällt“. Religion, Metaphysik,
Kritische Theorie. Berlin: Neofelis. (voraussichtlich Herbst 2017).


Referent: Felix Bartels
Titel: „Von mutternlosen Schraubschlüsseln & Essmaschinen – Der Arbeitsprozess in Marxens »Kapital«“
Ankündigungstext:

Der Abschnitt zum Arbeitsprozess in Marxens „Kapital“ fällt deutlich heraus aus der Darstellungslogik dieses Werks. Er scheint eine naturale, universelle Grundierung, ein Anfangsgrund der im Werk vermittelten Theorie vorzuhaben, kann jedoch selbst nicht deren Anfang sein. Der Vortrag will die Bedeutung des Arbeitsprozesses, wir er für sich steht, erschließen, die Struktur des dort behaupteten Arbeitsbegriffs, wie Marx ihn begründet und was er aus ihm ableitet. Daraus sollen zugleich Leerstellen oder auffällige Umbildungen erhellen, die Stichworte weiterer Untersuchungen werden könnten.

Zur Person: Felix Bartels wuchs in Berlin auf, studierte dort Philosophie und Klassische Philologie, lebte zwei Jahre in Osaka und arbeitet heute als Autor, Lektor und Herausgeber im Odenwald nahe Heidelberg. Sein letztes Buch „Odysseus wär zu Haus geblieben“ ist eine Auseinandersetzung mit der Tradition der Praxisphilosophie sowie den Wurzeln und Erscheinungsformen politischer Irrationalität. Er betreibt den Blog „Neuestes vom Parnassos“.


Referent: Marvin Gamisch
Titel: „Digitale Arbeit und marxsche Entfremdungstheorie“
Ankündigungstext:

Die marxsche Entfremdungstheorie sieht in der kapitalistischen Lohnarbeit eine nicht gelungene Selbstvergegenständlichung menschlicher Fähigkeiten, da sich die Produkte einseitig vom Kapital angeeignet werden und letztlich als fremde Macht gegenüber der lebendigen Arbeit wirken. Den kapitalistischen Arbeitsprozess der großen Industrie und Maschinerie deutet Marx als Erniedrigung der Arbeitenden zu Detailarbeitern/innen, deren Fähigkeitenpotenzial verkümmert.

Mit der Bedeutungszunahme von elektronischer Datenverarbeitung, Automatisierungswellen und hochqualifizierter Wissensarbeit veränderte sich nicht nur die klassische Fabrikarbeit grundlegend. Unter Digitalisierung wird nun ein weiterer Schub zur Veränderung des Charakters von Arbeit erwartet: Miteinander kommunizierende Maschinen werden zum Ort des formales und mathematisch kalkulierenden Denkens unter Auswertung echtzeitiger Datenströme, während auf der andere Seite Wissensprodukte verstärkt menschliche Kreativität erfordern, die ökonomisch weder hergestellt noch angeordnet werden kann. Die formelle Arbeitszeit verliert dabei zunehmend ihre zentrale Bedeutung als Reichtumsmaß. Auf Grund kapitalistischer Machtverhältnisse wird menschliches Wissen dabei einseitig angeeignet, patentiert/lizenziert und kommodifiziert, obgleich keine ökonomische Knappheit vorhanden ist.

Ich möchte in meinem Vortrag, den Versuch unternehmen, anhand der marxschen Entfremdungstheorie neue Widersprüche aufzuspüren, die die Digitalisierung im Verhältnis von Kapital und Arbeit hervorbringt. Dabei deute ich Entfremdung im Anschluss an Ernst-Michael Lange als ein Phänomen, welches die gesamte marxsche Ökonomiekritik durchzieht, stütze mich dabei besonders auf die Pariser Manuskripte und die Grundrisse. Zur Deutung der kapitalistischen Wissensökonomie greife ich auf zentrale Argumente von André Gorz zurück.
Dabei möchte ich folgende Thesen vertreten:

1. In der kapitalistischen Wirtschaftsform wird auch menschliche Wissensarbeit als fremde Macht gegenüber der lebendigen Arbeit in Form von digitalen Plattformen vergegenständlicht, obgleich sie als Allgemeingut organisiert werden könnte.
2. Menschliche Fähigkeiten, die von ihrem Träger nicht abtrennbar sind, wie Kreativität, Imagination oder Erfahrungswissen, werden stark aufgewertet und erfordern umfangreiche Entfaltungsmöglichkeiten menschlicher Individualität
3. Aufgrund der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, in denen die objektiven Verwirklichungsbedingungen der Arbeit sowie die Lebensmittel von der lebendigen Arbeit getrennt sind, ist die individuelle Arbeitskraft zur kapitalistischen Verwertung ihrer subjektiven Fähigkeiten gezwungen.
4. Zentrale Widersprüche entstehen zwischen der Möglichkeit digitale Waren/Plattformen als Allgemeingut zu organisieren und ihrer faktischen Eingebettetheit in kapitalistische Eigentumsverhältnisse sowie zwischen dem geforderten Entfaltungsfreiraum der Individuen und ihrer Beschränkung auf den bornierten Zweck der Verwertung.

Zur Person: Marvin Gamisch hat in Göttingen, London und Berlin Politikwissenschaft studiert, danach am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gearbeitet. Schwerpunkt seines Studiums waren die politische Philosophie und Theorie. Seit Januar 2017 promoviert er an der Freien Universität Berlin zur marxschen Theorie und der Digitalisierung von Arbeit.


Referent: Daniel Späth
Titel: „‚Der doppelte Marx‘ und der Status der Marxschen Entfremdungstheorie“
Ankündigungstext:

Noch nicht lange ist es her, dass der warenästhetische Konsumismus der frühen Postmoderne eine ganze Generation in ihrem Selbstverständnis prägte. Dem unerbittlichen Optimierungsdrang des eigenen Lifestyles korrespondierte seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts das diskursive Spiel mit den Signifikanten, deren willkürliche „Verschiebung“ und „performative Dekonstruktion“ gewissermaßen die Beliebigkeit der Warenästhetik in die erkenntnistheoretische Denkform hineinverlängerte. Doch das Zeitalter der Oberflächlichkeit und der diskursiven Inszenierung ist schon wieder passé; die sich verschärfende Krise der späten Postmoderne treibt die Subjekte auch in den westlichen Zentren zu einer neuen Innerlichkeit, die dem Diskurs die „Gesinnung“ und der Inszenierung die „Authentizität“ kontrastiert. Auf dem Boden dieser ideologischen Metamorphose erlebt nun auch die Entfremdungstheorie einen neuerlichen Hype.

Insofern liegen einer Beschäftigung mit dieser neuen Innerlichkeit vor allem ideologiekritische Motive zugrunde: Bis in die linke Gesellschaftskritik hinein macht sich das verstärkte Bedürfnis nach einer „Eigentlichkeit“ breit und so erlebte auch der Marx der Entfremdungskritik eine gewisse Renaissance; wenngleich der Bezug auf die Marxsche Theorie dabei eher äußerlich daherkommt und sich einer epistemologischen und marx-immanenten Rekonstruktion verweigert.

So wird meistens davon abstrahiert, dass die Debatte um den Marxschen Entfremdungsbegriff keineswegs neu ist, sondern vielmehr eine eigene Geschichte hat: Mit der Veröffentlichung der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ im Jahr 1932 setzte nämlich eine Kontoverse um den jungen Marx ein, die sich zwischen der sowjetischen „Orthodoxie“ und dem „humanistischen Marxismus“ eines Erich Fromm und Ernst Bloch entzündete. Während die marxistische „Orthodoxie“ dabei den „wahren Marx“ noch in seinem Spätwerk ausfindig zu machen meinte, da erst hier der „historische Materialismus“ wirklich entwickelt worden sei, kaprizierte sich der „humanistische Marxismus“ hingegen auf dessen Frühwerk und die dort formulierte Entfremdungstheorie, welche Marx zeit seines Lebens als epistemologisches Fundament beibehalten habe. Im Grunde genommen stellt sich demnach die Kontroverse zwischen „humanistischen Marxismus“ und „orthodoxem Marxismus“ als eine zwischen Marxschen Früh- und Spätschriften heraus.

Der hier vertretene Ansatz der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung bezieht sich gegenüber der marxistischen Tradition jedoch in einer gänzlich anderen Art und Weise auf den Marxschen Textkorpus. Um „mit Marx über Marx hinaus“ zu gehen, überdeckt kategoriale Kritik dessen werk-immanente Widersprüche nicht durch das identitätslogische Verharren auf einem „wahren Marx“, der sich einem isolierten Teil seiner Schriften zuschlagen lasse; sie versteht das gesamte Marxsche Werk als durchgehenden Widerspruch des fetischkritischen Marx mit seinen Versatzstücken bürgerlicher Erkenntnistheorie, als gewissermaßen zwei Stränge seines Werks also, die sich beständig ineinander verschlingen, aber zugleich eine permanente Reibungsfläche offenbaren. Aus dieser fetischkritischen Sicht ist die Marxsche Entfremdungstheorie dabei ein Restbestand seiner bürgerlichen Reflexion, die in ihren Verkürzungen durchaus aus dem Prozesscharakter seines theoretischen Schaffens erklären werden kann.

Die Entfremdungstheorie bildet in ihren erkenntnistheoretischen Implikationen demzufolge die Klammer des Vortrags und seiner zwei Teile: Der erste Abschnitt des Referats wird deshalb die Marxsche Entfremdungstheorie und ihren Status innerhalb der Debatte zwischen „orthodoxem“ und „humanistischen Marxismus“ darlegen, um auf dieser Basis die von beiden Strömungen ausgeblendeten fetischkritischen Fermente seines Werks herauszuschälen. Der kürzere zweite Teil wird diese rein text-immanente Interpretation auf die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung rückbeziehen, um die gewonnenen fetischkritischen Einsichten dafür fruchtbar zu machen, das realgesellschaftliche Ineinander von aktueller Krisentendenz in der späten Postmoderne und der Zunahme entfremdungstheoretischer Vorstellungen aufweisen zu können.

Zur Person: Autor der Gruppe EXIT!, Schwerpunkte: Aufklärungskritik, Kritik an Neofaschismus, Psychoanalyse.

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