Panel 1: Arbeit und Entfremdung

Mittwoch, 14-18 Uhr


Referent: Felix Bartels
Titel: „Der Marx’sche Arbeitsbegriff“
Ankündigungstext: folgt


Referent: Marvin Gamisch
Titel: „Digitialisierter Wissenskapitalismus und Marx’sche Theorie“
Ankündigungstext:

Google, Apple, Amazon und Facebook sind die dominierenden Softwarekonzerne der Stunde. Sie bieten zentrale Plattformen für zielgruppenorientierte Werbung, Wissensprodukte und weiten auch ihre gegenständliche Produktion aus. Sie könnten in Zukunft immer mehr Wertschöpfungsketten dominieren.

So zeichnet sich ein neues Kapitalverhältnis ab, indem das Wissenskapital beginnt das klassische Produktionskapital zu dominieren. Ist damit die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie mit ihrer Analyse aus der Welt der Industrieschlote passé? Mitnichten möchte ich argumentieren.

Richtig ist, dass Wissensarbeit die Anwendung der klassischen Mehrwerttheorie sehr schwierig macht. Menschliche Kreativität wurzelt in außerökonomischen gesellschaftlichen Zusammenhängen, sie kann selbst nicht ökonomisch erzeugt oder angeordnet werden. Im Rahmen kapitalistischer Gesellschaften, die die Verwertung ständig antreibt, wird sich Wissen aber angeeignet, formalisiert und schließlich kommodifiziert. Wissen, eigentlich eine nicht-aufbrauchbare Ressource, wird so künstlich etwa durch Patente oder Lizenzen verknappt. Es sind künstliche Waren, die leicht Allgemeingüter sein könnten.

Anders als etwa Samol und Staab möchte ich den Fokus nicht auf die Produktivitätskrise, sondern auf die Verbindung von Wissensarbeit und gegenständlicher Produktion richten. Letztere bleibt Basis der Wissensarbeit, weil sie sowohl die (Re-)Produktion der materiellen Infrastruktur für die Verbreitung von Wissensprodukten leistet, als auch Wissensarbeiterinnen überhaupt erst zwingt ihre Arbeit zu kommodifizieren, um ihre materielle Reproduktion zu gewährleisten.
Die Thesen, die ich auf den Marx-Kongress in Trier vertreten will, lauten:

1. Ein digitalisierter Wissenskapitalismus basiert auf der künstlichen Kommodifizierung von Wissen aufgrund kapitalistischer Machtverhältnisse.

2. Basis der kapitalistischen Aneignung menschlicher Kreativarbeit und Verwandlung in Waren ist die traditionelle gegenständliche Produktionsarbeit, in der die klassische Mehrwerttheorie volle Gültigkeit behält.

3. Eine weitgehende Automatisierung der gegenständlichen Produktionsarbeit führte zum Dominantwerden der Wissensarbeit, deren Produkte könnten jedoch vollständig als Allgemeingüter organisiert werden. Es bedürfte also gesellschaftlicher Kämpfe, um sich die zugrundeliegende materielle Infrastruktur auch gesamtgesellschaftlich anzueignen.


Referent: Alexander Lingk
Titel: „Von Marx entfremdet. Zu einer nicht-essentialistischen Rekonstruktion der Marxschen Entfremdungstheorie“
Ankündigungstext:

Der Begriff der Entfremdung erlebte im letzten Jahrzehnt sowohl in der soziologischen Theorie (vgl. Rosa 2013 sowie 2016) als auch in der Sozialphilosophie (vgl. Jaeggi 2005) ein Revival. Seither wurde er nicht nur außerhalb marxistischer Zirkel wieder rezipiert, selbst die Feuilletons der bürgerlichen Presse griffen die Diskussionen immer wieder auf. Bemerkenswert dabei ist das offenbar vorhandene Bedürfnis, sich von Marx‘ Entfremdungsbegriff abzugrenzen und die alte These wieder aufzuwärmen, wonach dessen Theorie nicht ohne essentialistische Bestimmungen vom „Wesen des Menschen“ auskomme.

In meinem Vortrag möchte ich dieser These widersprechen und dafür plädieren, das Marxsche Frühwerk nicht vorschnell zu entsorgen. Ausgehend von paradigmatischen Marx-Kritiken (Althusser, Heinrich, Jaeggi) werde ich zeigen, dass seine Entfremdungstheorie entgegen deren Deutungen ohne essentialistische Vorstellungen vom Wesen oder der Natur des Menschen auskommt. Zwar sind einige von Marx‘ Formulierungen durchaus missverständlich und laden zu Fehlinterpretationen ein. Doch begreift man diese im Kontext und folgt seiner Argumentation, so gelangt man zu dem Ergebnis, dass der Essentialismusvorwurf ins Leere läuft.

Somit lässt sich mit Marx zwar nicht sagen, was der Mensch seiner Natur nach sei. Allerdings kann seine Entfremdungstheorie den Blick dafür schärfen, inwieweit unter kapitalistischen Verhältnissen ein gelingender Selbst- und Weltbezug systematisch untergraben wird. Die Frage, von was sich der Mensch entfremdet, ist nur negativ zu beantworten: von seinen eigenen Möglichkeiten und Potenzialen, die im real Gegebenen zwar ansatzweise erahnt, aber nicht zur Entfaltung gebracht werden können.

Die aktuellen Neuauflagen des Entfremdungsbegriffs, die ihn gegen Marx retten wollen, werden diesem also nicht nur nicht gerecht. Indem sie versuchen den Begriff aus dem Marxschen Kontext zu lösen, bringen sie ihn um seinen kritischen Gehalt. Dieser liegt nämlich gerade in der Verknüpfung einer subjekt- oder akteurszentrierten Perspektive mit einer Theorie des objektiven gesellschaftlichen Zusammenhangs, der kapitalistischen Totalität.


Referent: Daniel Späth
Titel: „‚Der doppelte Marx‘ und der Status der Marxschen Entfremdungstheorie“
Ankündigungstext:

Noch nicht lange ist es her, dass der warenästhetische Konsumismus der frühen Postmoderne eine ganze Generation in ihrem Selbstverständnis prägte. Dem unerbittlichen Optimierungsdrang des eigenen Lifestyles korrespondierte seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts das diskursive Spiel mit den Signifikanten, deren willkürliche „Verschiebung“ und „performative Dekonstruktion“ gewissermaßen die Beliebigkeit der Warenästhetik in die erkenntnistheoretische Denkform hineinverlängerte. Doch das Zeitalter der Oberflächlichkeit und der diskursiven Inszenierung ist schon wieder passé; die sich verschärfende Krise der späten Postmoderne treibt die Subjekte auch in den westlichen Zentren zu einer neuen Innerlichkeit, die dem Diskurs die „Gesinnung“ und der Inszenierung die „Authentizität“ kontrastiert. Auf dem Boden dieser ideologischen Metamorphose erlebt nun auch die Entfremdungstheorie einen neuerlichen Hype.

Insofern liegen einer Beschäftigung mit dieser neuen Innerlichkeit vor allem ideologiekritische Motive zugrunde: Bis in die linke Gesellschaftskritik hinein macht sich das verstärkte Bedürfnis nach einer „Eigentlichkeit“ breit und so erlebte auch der Marx der Entfremdungskritik eine gewisse Renaissance; wenngleich der Bezug auf die Marxsche Theorie dabei eher äußerlich daherkommt und sich einer epistemologischen und marx-immanenten Rekonstruktion verweigert.

So wird meistens davon abstrahiert, dass die Debatte um den Marxschen Entfremdungsbegriff keineswegs neu ist, sondern vielmehr eine eigene Geschichte hat: Mit der Veröffentlichung der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ im Jahr 1932 setzte nämlich eine Kontoverse um den jungen Marx ein, die sich zwischen der sowjetischen „Orthodoxie“ und dem „humanistischen Marxismus“ eines Erich Fromm und Ernst Bloch entzündete. Während die marxistische „Orthodoxie“ dabei den „wahren Marx“ noch in seinem Spätwerk ausfindig zu machen meinte, da erst hier der „historische Materialismus“ wirklich entwickelt worden sei, kaprizierte sich der „humanistische Marxismus“ hingegen auf dessen Frühwerk und die dort formulierte Entfremdungstheorie, welche Marx zeit seines Lebens als epistemologisches Fundament beibehalten habe. Im Grunde genommen stellt sich demnach die Kontroverse zwischen „humanistischen Marxismus“ und „orthodoxem Marxismus“ als eine zwischen Marxschen Früh- und Spätschriften heraus.

Der hier vertretene Ansatz der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung bezieht sich gegenüber der marxistischen Tradition jedoch in einer gänzlich anderen Art und Weise auf den Marxschen Textkorpus. Um „mit Marx über Marx hinaus“ zu gehen, überdeckt kategoriale Kritik dessen werk-immanente Widersprüche nicht durch das identitätslogische Verharren auf einem „wahren Marx“, der sich einem isolierten Teil seiner Schriften zuschlagen lasse; sie versteht das gesamte Marxsche Werk als durchgehenden Widerspruch des fetischkritischen Marx mit seinen Versatzstücken bürgerlicher Erkenntnistheorie, als gewissermaßen zwei Stränge seines Werks also, die sich beständig ineinander verschlingen, aber zugleich eine permanente Reibungsfläche offenbaren. Aus dieser fetischkritischen Sicht ist die Marxsche Entfremdungstheorie dabei ein Restbestand seiner bürgerlichen Reflexion, die in ihren Verkürzungen durchaus aus dem Prozesscharakter seines theoretischen Schaffens erklären werden kann.

Die Entfremdungstheorie bildet in ihren erkenntnistheoretischen Implikationen demzufolge die Klammer des Vortrags und seiner zwei Teile: Der erste Abschnitt des Referats wird deshalb die Marxsche Entfremdungstheorie und ihren Status innerhalb der Debatte zwischen „orthodoxem“ und „humanistischen Marxismus“ darlegen, um auf dieser Basis die von beiden Strömungen ausgeblendeten fetischkritischen Fermente seines Werks herauszuschälen. Der kürzere zweite Teil wird diese rein text-immanente Interpretation auf die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung rückbeziehen, um die gewonnenen fetischkritischen Einsichten dafür fruchtbar zu machen, das realgesellschaftliche Ineinander von aktueller Krisentendenz in der späten Postmoderne und der Zunahme entfremdungstheoretischer Vorstellungen aufweisen zu können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.