Kurzer Rückblick auf ein Jahrzehnt

Von Andreas Benl

Ein „nachrichtenstarkes Jahr“ war 2019 für das ZDF: „Klimadiskussion, Elektroautos, Kohleförderung“ – Proteste, darauf hat man sich zumindest in deutschsprachigen Medien anscheinend geeinigt, haben in Hongkong und „gegen Reformen in Frankreich“ stattgefunden. Damit sind die Themen benannt, an die man Ende des Jahres nicht erinnern muss, weil sie schon ausgiebig durchs Netz und über die Bildschirme flimmern.

Dem Fluch des fast vollkommenen Schweigens, Vergessens oder der Ignoranz scheinen dagegen die Opfer von antisemitischen Regimes oder Terroristen von Teheran bis New York anheimzufallen. Das Schweigen markiert heute das, was Horkheimer und Adorno einst die „Grenzen der Aufklärung“ nannten. Selbst die letzten Ausläufer des ‚Islamischen Staats‘ als Karikatur der ‚Islamischen Republik‘ bleiben weitgehend im Off, über die Bomben in Idlib oder den türkischen Einmarsch in Nordsyrien werden höchstens ein paar Krokodilstränen vergossen.

Allerdings: nur weil man zwischen Berlin und Brüssel kollektiv über die Proteste im Iran, Irak und Libanon die Omertà verhängt, kehrt dort keine Friedhofsruhe ein. Im Gegenteil, die iranischen Proteste von 2017/2018 haben sich 2019 weiter radikalisiert – und auf die Region der ‚Achse des Widerstands‘ zwischen Bagdad und Beirut ausgeweitet.

Wirft man einen Blick zurück auf das gesamte letzte Jahrzehnt, wird das Bild noch deutlicher. Während die neuen Medien im Westen ein Synonym für Verblödung, Hass und Hetze geworden sind, bleiben Sie in den Diktaturstaaten Hilfsmittel der Subversion, solange es den Herrschenden nicht gelingt, sie vollständig unter Kontrolle zu bringen. Im Orient schien der auch über Social Media möglich gewordene Meltdown der autoritären Eiszeit seit 2011 zunächst weiter in den Abgrund zu führen. Den antidespotischen Demonstranten folgten Islamisten – und ’seltsamerweise‘ war die Begeisterung für den arabischen Frühling im Westen nur so lange groß, wie man annehmen konnte, dass er Israels Position in der Region eher schaden als nutzen würde. Um 2015 erschienen als Resultate der ‚Arabellion‘ (außer in Tunesien) nur neue autoritäre Herrschaft, das Massaker von Teherans Statthalter in Syrien und der Aufstieg von ISIS.

Doch es ist weder islamistische ‚Stabilität‘ noch ein Marsch zur ‚Befreiung Jerusalems‘ dabei herausgekommen. Stattdessen sind am Ende des Jahrzehnts die Islamisten trotz oder gerade wegen ihrer Brutalität ideologisch so schwach und isoliert wie nie zuvor in den letzten vier Jahrzehnten. Das Feld der Proteste der letzten zwei Jahre bestimmen keine Kalaschnikow-schwingenden Bärtigen, sondern unbewaffnete, aber entschlossene Frauen und Jugendliche. Die Parolen sind eindeutig säkular und antiislamistisch wie im Iran, zumindest gegen die Verbündeten der ‚Achse des Widerstands‘ gerichtet, wie im Libanon und Irak. Und völlig in Vergessenheit geraten scheint das Ende der 30-jährigen islamischen Republik von Omar Bashir im Sudan in 2019. Viele der Akteure sind nicht als säkular-demokratische Revolutionäre geboren worden – aber im Gegensatz zu den Sonntagsrednern im Westen überschreiten sie mit ihrem Widerstand gegen antisemitische Rackets und Despoten de facto die Grenzen der Aufklärung. Sie machen so einen Zustand erhoffbar, in dem die konformistische Revolte des Antisemitismus in die Defensive gerät.

Für die unerhörten Ereignisse im Orient gibt es bis dato nur ein Pendant im Westen: die krachende Niederlage des Antisemiten Corbyn in Großbritannien. Möge sie der Beginn der Erkenntnis sein, dass Antisemitismus auch dann nicht ‚progressiv‘ ist, wenn er nicht in Braunhemd oder KKK-Kutte, sondern intersektionell oder islamisch auftritt.

In diesem Sinne: Auf ein besseres 2020!

Andreas Benl ist Mitglied beim Mideast Freedom Forum Berlin. Zuletzt erschien von ihm der Artikel „Protest vs. ‚Protest‘ im Irak“.

Veranstaltungsprogramm: Sommersemester 2019

Im Folgenden finden sich die jeweiligen Veranstaltungen der Monate April bis Juli, die wir in Kooperation mit dem Referat für Antirassismus und Antifaschismus sowie dem Referat für politische Bildung ausrichten.

APRIL
MAI
JUNI
JULI

Neben den Einzelveranstaltungen finden mehrere autonome Seminare bzw. Lesekreise statt, welche da wären:

Sonntags, 16 Uhr, Universität Trier (Raum P3)
Grundlagen politischer Arbeit und Selbstorganisation

Donnerstags, 18 Uhr, Universität Trier (Raum C2)
Lesekreis: „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir

Freitags, 15 Uhr, Komplex-Infoladen (Hornstraße 7)
Lesezirkel: „Die Massenpsychologie des Faschismus“

Freitags, 16 Uhr, Universität Trier (Studihaus)
Gramscis „Gefängnishefte“ und ihre Rezeption

Sommersemester 2018

Für das Sommersemester 2018 haben wir, v.a. in Zusammenarbeit mit dem Referat für politische Bildung des AStA der Uni Trier, ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm zusammengestellt.

Im Vordergrund steht dabei einerseits die Veranstaltungsreihe zu Marx anlässlich des Brimboriums um seinen 200. Geburtstag, die sich im Anschluss an unseren Marx!?-Kongress weiterhin kritisch mit der Marxschen Theorie beschäftigt.

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Zudem haben wir angesichts der hohen Aktualität der Thematiken sowie unserer letztjährigen Auseinandersetzung mit Prof. Lüders eine Veranstaltungsreihe zum Nahen Osten zusammengestellt, bei der von unterschiedlichen ReferentInnen auf unterschiedliche politisch-gesellschaftliche Aspekte und Fragen der Region eingegangen werden soll.

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Darüber hinaus sind einige andere Veranstaltungen, u.a. Vorträge zur Neuen Rechten, einige Kneipenabende sowie eine Lesung geplant.

Detaillierte Informationen sowie stete Neuigkeiten zu den einzelnen Veranstaltungen gibt es bei Facebook. Hier eine Übersicht über alle bislang geplanten Veranstaltungen mit Verlinkung zur jeweiligen Facebook-Veranstaltung.

18. April (Vortrag): Titel: „Staatsfragen. Einführung in die materialistische Staatskritik“, Referent: Moritz Zeiler, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Raum N2 (Uni Trier)

19. April (Vortrag): Titel: „Konkurrenten – Über das Islambild der Neuen Rechten“, Referent: Matheus Hagedorny, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Raum B16 (Uni Trier)

20. April (Diskussionsveranstaltung): Titel: „Bitte oszillieren Sie! Neurechte Morgenröte und ideologiekritische Abenddämmerung“, Referenten: Salonkommunisten, Uhrzeit: 11-17 Uhr, Ort: A 9/10 (Uni Trier)

25. April (Vortrag): Titel: „Der Jemen. Ein Krieg im Schatten“, Referent: Oliver M. Piecha, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Raum N2 (Uni Trier)

8. Mai (Vortrag): Titel: „Befreiung heute. Emanzipationstheoretisches Denken und historische Hintergründe“, Referent: Jan Hoff, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Raum E51 (Uni Trier)

11. Mai (Kneipenabend): „Thesen am Tresen #2: Evolutionäre Humanisten Trier“, ab 19 Uhr in der villaWuller (Ausoniusstraße 2a)

15. Mai (Vortrag): Titel: „Türkischer Staat und kurdische Bevölkerung: Eine konfliktreiche Geschichte“, Referent: Ismail Küpeli, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Raum P12 (Uni Trier)

17. Mai (Podiumsdiskussion): Titel: „Wie geht es weiter mit Kurdistan?“, Diskussionsteilnehmer: Danyal Casar, Thomas von der Osten-Sacken, Roland Röder, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Hörsaal 1 (Uni Trier)

28. Mai (Vortrag): Titel: „Die AfD und die soziale Frage“, Referent: Stefan Dietl, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Raum N2 (Uni Trier)

29. Mai (Vortrag): Titel: „Vereinte Nationen gegen Israel: Wie die Uno den jüdischen Staat delegitimiert“, Referent: Alex Feuerherdt, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Raum P12 (Uni Trier)

31. Mai (Vortrag): Titel: „Der Arabische Frühling der Frauen. Warum Gleichberechtigung im Nahen Osten gerade en vogue ist“, Referentin: Hannah Wettig, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: t.b.a.

2. Juni (Tagesseminar): Titel: „Die israelische Demokratie und der Nahostkonflikt“, ReferentInnen: Ulrike Becker, Jörg Rensmann, Uhrzeit: 10-18 Uhr, Ort: Raum A8 (Uni Trier)

8. Juni (Kneipenabend): „Thesen am Tresen #3: Referat für politische Bildung“, ab 19 Uhr im Komplex-Infoladen (Hornstraße 7)

15./16. Juni (Workshop): Vertiefungsseminar ins Marxsche Kapital (Band 1) mit Dieter Wolf, Uhrzeit: jeweils 11-17 Uhr, Ort: Raum B14 (Uni Trier)

21. Juni (Vortrag): Titel: „Syrien – Symptom einer neuen Welt-Unordnung“, Referentin: Kristin Helberg, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: Raum B16 (Uni Trier)

3. Juli (Vortrag): Titel: „Zeitgenosse Marx – Kritik der politischen Ökonomie heute“, Referent: Michael R. Krätke, Uhrzeit: 18 Uhr (c.t.), Ort: t.b.a.

13. Juli (Kneipenabend): „Thesen am Tresen #4: Antirassismus und Antifaschismus-Referat“, ab 19 Uhr in der villaWuller (Ausoniusstraße 2a)

Über reges Interesse an unseren Veranstaltungen würden wir uns sehr freuen.

Bei Fragen sind wir jederzeit erreichbar unter info[at]rosasalon.org

Erweiterter Kongressbeitrag: Dieter Wolf

Dieter Wolf

Die Bewegungsformen des „absoluten Geistes“ als Lösungsbewegungen des dialektischen Widerspruchs zwischen „Natur“ und „Geist“ und die Bewegungsformen“ des Kapitals als Lösungsbewegungen des dialektischen Widerspruchs zwischen Gebrauchswert und Wert. Idealistische Dialektik – materialistische Dialektik.
Warum kann Marx sagen: „Der ‚Hegelsche“ Widerspruch ist die Springquelle aller Dialektik“?

Neu seit dem 15.02.2018, 123 Seiten: Endfassung des Artikels zur „Kapital“ -Interpretation und zur materialistischen und idealistischen Dialektik. Aufbereitung und Erweiterung der Vorträge (2017) – Trier und Hamburg. Als PDF-Datei: Dialektik Hegel Marx Adorno Trier Hamburg

Aus dem Inhalt

♦ Wissenschaftliche Abstraktion, reale Gleichsetzung, „Realabstraktion“
♦ Die Vermeidung eines falschen Zirkels als Prüfstein für den rationalen wissenschaftlichen Charakter der Marxschen Darstellungsweise. Wie beantwortet Marx, ohne sich in einen fehlerhaften Zirkel zu verstricken, Hegels Frage: „Womit muss der Anfang in der Wissenschaft gemacht werden?“
♦ Zum gesellschaftlich allgemeinen Charakter der konkret nützlichen Arbeiten in nichtkapitalistischen und kapitalistischen Gemeinwesen.
♦ Die (gesellschaftliche) Rolle der abstrakt menschlichen Arbeit als Eigenschaft der konkret nützlichen Arbeiten in der proportionalen Verteilung der Gesamtarbeitszeit in nicht-kapitalistischen Gemeinwesen
♦ Die „Wertform oder der Tauschwert“ als Lösungsbewegung des dialektischen Widerspruchs zwischen dem Wert und dem Gebrauchswert der Waren
♦ Analogie der Bewegungsformen absoluter Geist – Kapital und ihre Begründung
♦ Bemerkungen zu Adornos Dialektik des Verhältnisses von Subjekt und Objekt als Erkenntnistheorie

Aktuelle Infos: Marx!?-Kongress Trier

Morgen beginnt der Marx!?-Kongress an der Universität Trier 2017. Das endgültige Programm inkl. Zeit- und Raumangaben steht nun fest: Kongressprogramm

Wichtige Informationen zur Organisation gibt es hier: Organisatorische Infos

Mittlerweile stehen auch alle Ankündigungstexte zur Verfügung; also auch von Felix Bartels: „Von mutternlosen Schraubschlüsseln & Essmaschinen – Der Arbeitsprozess in Marxens »Kapital«, Michael Heinrich: Die Realität des Gespenstigen. Marx‘ Kritik der klassischen Arbeitswertlehre und Alexander Neupert-Doppler: „Staatsfetischismus – In und/oder gegen den Staat? Formkritik und Hegemonielehre“.

Wer kurzfristig noch nach einem Schlafplatz für den Kongress sucht, kann sich weiterhin gerne melden unter info[at]rosasalon.org

Bis morgen!

Marx!?: Kongress an der Universität Trier

Vom 11. bis 13. Oktober 2017 veranstalten der Rosa Salon und Die Falken Trier einen dreitägigen Kongress an der Universität Trier, der sich der Frage widmen wird, ob und wie im Jahre 2017 sinnvoll an die Theorie und Kritik von Karl Marx angeschlossen werden kann. Zu diesem Zweck wurde bereits im Februar dieses Jahres ein Call for Abstracts veröffentlicht, in dessen Folge bei uns über 70 Beitragsvorschläge für den Kongress eingingen. Eine Auswahl dieser Beiträge sowie darüber hinaus angefragte Referentinnen und Referenten werden beim Kongress zu hören sein. Ein vorläufiges Kongressprogramm gibt es hier. Beiträge, die beim Kongress nicht vorgestellt werden können, werden zudem ebenfalls auf unserer Website veröffentlicht werden.

Download Plakat:

Generell ist die Kongressteilnahme für alle Interessierten gewährleistet. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich (kann aber trotzdem gerne unverbindlich durch eine formlose Mail an info[at]rosasalon.org erfolgen), die Teilnahme ist kostenlos. Das Programm wird eine Mischung aus Einführungsveranstaltungen, fortgeschrittenen sowie expliziten Forschungsbeiträgen beinhalten und soll dadurch ein breites Publikumsspektrum ansprechen.

Für all diejenigen von außerhalb Triers, die den Kongress besuchen möchten, haben wir eine private Bettenbörse (click!) eingerichtet. Außerdem gibt es Bemühungen, bestimmte Reisekosten für Auswärtige zu übernehmen. Dies ist jedoch noch in der Schwebe und kann nicht garantiert werden.

Wichtige organisatorisches Informationen gibt es hier.

Der Kongress wird finanziert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Rheinland-Pfalz sowie der Bundesstiftung der RLS, die anlässlich der Feierlichkeiten und Veranstaltungen rund um das 150-jährige Erscheinen des Kapital (2017) sowie den 200. Geburtstag von Karl Marx (2018) das Online-Projekt marx200.org ins Leben gerufen hat.

Vorträge im Mai

Unser sehr gut besuchter Vortrag mit Jana Klein vom 9. Mai ist jetzt auf youtube nachhörbar.

Morgen (Dienstag, 30. Mai) und Mittwoch (31. Mai) hält dann Prof. Dr. Rolf Pohl zwei Vorträge an der Universität Trier, jeweils um 18 Uhr (c.t.) in Hörsaal 10. Der erste Vortrag behandelt die „Sozialpsychologie der Fremdenfeindlichkeit“; der zweite fragt nach „Männlichkeit in der Krise?“.

Wir freuen uns über viele BesucherInnen.