Trump, die junge Welt und der Antisemitismus

Dass für die junge Welt auch der am offensten verhüllte Antisemitismus keinen Widerspruch zum eigenen Verständnis linker Kritik darzustellen scheint, zeigt Konstantin Bethscheider an der Analyse eines dort veröffentlichen Artikels.

 

Eine Analyse des Artikels „Schlechte Verlierer“, den die junge Welt aus dem Counterpunch Magazin übernommen und übersetzt hat, sollte endgültig erweisen, dass dieses Blatt untragbar ist für eine Linke, die sich selbst noch irgendwie ernst nimmt. Fast jeder Satz strotzt vor Lügen und Halbwahrheiten und die Agenda des Artikels läuft darauf hinaus, die autoritäre Neuausrichtung der Vereinigten Staaten als einen Sieg der Entrechteten zu verkaufen.

Um einen Überblick über die Infamie des Artikels zu bekommen, ist er zur Gänze kommentiert wiedergegeben. Er steht repräsentativ für den Strom des Antisemitismus, der immer wieder die politischen Leitlinien des Blattes zu bestimmen scheint. Gleich ob im Nahostkonflikt oder bei der Wahl Trumps, grundlegende Basisbanalitäten der Linken werden immer wieder nur allzu bereitwillig aufgegeben, wenn es darum geht, den Erfordernissen dieser Anschauung gerecht zu werden, die sich nicht zu schade dafür ist, auch noch den reaktionärsten Republikaner als Hoffnungsträger fürs Weiße Haus zurecht zu lügen, geschweige denn die Welt als Epiphänomen des Nahostkonflikts misszuverstehen.

Waren bereits die Präsidentschaftswahlen 2016 eine nationale Schande, ist die Reaktion der Verlierer ein noch peinlicheres Schauspiel. Es sieht so aus, als könnte die politische Maschinerie hinter Hillary Clinton eine Wahlniederlage nicht verkraften. Woran liegt das?“

So wenig es die politische Maschinerie hinter Hillary Clinton war, die am Tag der Inauguration auf den Straßen mobil machte, so wenig war sie es in den Wochen vor der Amtsübergabe. Wer die Wahlniederlage nicht verkraften konnte, waren Teile des Schwarzen Amerika, die Frauen, Immigranten und Muslime, die allesamt existentiell von den Konsequenzen einer Trumppräsidentschaft bedroht wurden. Die größten zivilgesellschaftlichen Proteste in der Geschichte der Vereinigten Staaten wurden gegen die Amtseinführung auf den Straßen inszeniert und dies nicht etwa von einer mächtigen Elite, sondern aus diversen Graswurzelinitiativen heraus. Die Fragestellung geht daher schon völlig fehl.

Weil sie entschlossen sind, die Hegemonie des »einzigartigen« Amerika der ganzen Welt aufzuzwingen, dafür militärgestützte Regime-Changes nutzend, und Donald Trump ihre Pläne ruiniert zu haben scheint. Das westliche Establishment setzt sich, grob gesehen, aus neokonservativen Ideologen, liberalen Interventionisten, den Finanzmächten, der NATO, den Mainstreammedien sowie US-amerikanischen und westeuropäischen Politikern zusammen.“

Das westliche Establishment setzt sich nicht aus dieser „grob gesehenen“ und noch gröber zusammengewürfelten Melange aus Interessensgruppen zusammen, sondern aus sämtlichen Fraktionen des westlichen Kapitals und der politischen Klasse des Westens, mitsamt all ihrer heterogenen Interessen. Dass Trump die Finanzmächte nicht etwa beunruhigt, sondern geradezu beruhigt, lässt sich aus der anhaltenden Hausse der Börse ersehen, die erstmals den Dow-Jones die Marke von 20.000 Punkten knacken ließ. Weshalb gerade neokonservative Ideologen, die doch seit Jahren das Nachsehen gegenüber ihren neoliberalen Kollegen haben, ein Rückgrat des westlichen Establishments darstellen sollen, bleibt wohl ebenso das Geheimnis der Autoren wie die Gleichschaltung sämtlicher Mainstreammedien als bloße Organe des Establishments ein Baustein autoritärer Propaganda bleibt.

Zusammen beabsichtigten sie, den Nahen und Mittleren Osten im israelischen und saudi-arabischen Interesse umzugestalten und das impertinente Russland zu zerschlagen. Angesichts der Vorstellung, dass ihr gemeinsames Globalisierungsprojekt von einem ignoranten Eindringling sabotiert wird, ist dieses westliche Establishment in hysterische Panik verfallen.“

Diese autoritäre Propaganda kommt freilich nicht aus ohne den paranoiden Zug, diesem imaginierten Establishment zugleich finstere Pläne zu unterstellen, die unter dem Stern antisemitischer Paranoia stehen. Ohne dass klar wäre, weshalb Israel und Saudi-Arabien mit einem Male identische Interessen vertreten sollten, werden sie beide gleichermaßen als protegierte Parteien des Westens verhandelt, in deren Interesse ganze Weltregionen umgestaltet werden sollen. Das gemeinsame Globalisierungsprojekt dieser Elite, so wähnt man, bestünde vor allem darin, die Interessen der Juden gegen die Völker der Welt durchzufechten. Überhaupt fixiert sich der Artikel geradezu zwanghaft darauf, aus der Lage im Mittleren Osten die gesamten Interessen des westlichen Establishments abzuleiten.

Donald Trumps ausdrücklicher Wunsch, die Beziehungen mit Russland zu verbessern, ist Sand im Getriebe für Hillary Clintons Pläne, nach denen »Russland zahlen muss« und zwar für sein schlechtes Verhalten im Mittleren Osten und anderswo.“

Die Konfrontation mit Russland, die bereits vorher beschworen wurde, scheint so nur entstanden zu sein, weil Russland sich in dieser Region nicht im Sinne der westlichen Establishments-Interessen verhalten habe. Diese aber ergeben sich für die Autoren aus den Interessen Israels, sodass sämtlicher Dissens zwischen den Vereinigten Staaten und Russland herunterkommt auf eine Variante der Protokolle der Weisen von Zion, die die Staaten gegeneinander aufhetzen.

Sollte Donald Trump seine Versprechen einlösen, wäre dies ein harter Schlag für den aggressiven NATO-Aufmarsch an den europäischen Grenzen Russlands. Außerdem würde es der US-Rüstungsindustrie große Verluste bescheren, die unter dem Vorwand einer »russischen Bedrohung« den Verkauf von milliardenteuren, völlig überflüssigen Waffen an NATO-Verbündete plant.

Dass unter Trump die Rüstungsindustrie keineswegs mit Einbußen rechnet, lässt sich ebenfalls an den Börsen verfolgen – die Nachfrage für Aktien aus dem militärischen Sektor sank nicht etwa als Folge des Trump-Siegs, sondern stieg nachhaltig. Das konnte den Autoren zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung des Artikels auch bereits bekannt sein; dass sie es nicht zur Kenntnis nehmen, muss daher als bewusste Ignoranz gelten.

Die Befürchtungen der Kriegsbefürworter könnten jedoch übertrieben sein. Denn nach Trumps Ernennungen sieht es so aus, dass der Anspruch der USA auf die Rolle einer »exzeptionellen«, unverzichtbaren »Ausnahme«-Nation wahrscheinlich den Wechsel beim Führungspersonal überleben wird. Es könnte aber eine Schwerpunktverlagerung geben. Und die bisherigen Nutznießer der absoluten Herrschaft können diese Herausforderung nicht tolerieren.“

Die Befürchtungen gab es ebensowenig wie eine Riege der „Kriegsbefürworter“, die sich gegen Trump gestellt hätte. Es war doch immerhin schon während des Wahlkampfes ganz klar, dass Trump eine Politik verfolgte, die sich der Auslöschung des Islamischen Staates verpflichtet sah, weshalb nicht damit zu rechnen war, dass mit einer plötzlichen Welle amerikanischer Friedlichkeit mit einem Male die Interessen der Waffenindustrie massiv gefährdet werden. Gleichwohl wird davon geraunt, es hätte bis dato eine „absolute Herrschaft“ gegeben, die ihre Nutznießer hatte: Saudi-Arabien und Israel, die heimlichen Gewinnler der Projekte des liberalen Interventionismus und der Propaganda der westlichen Medien.

Mitglieder des US-Kongresses, der Mainstreammedien, der CIA und sogar Präsident Barack Obama haben sich und die Nation zum Narren gemacht, indem sie behaupteten, dass die Clinton-Kabale wegen Wladimir Putin verloren habe.“

Clintons Kandidatur wird so schließlich und endlich nicht als die Kandidatur einer einzigen Kandidatin gesehen, sondern als das Werk einer „Kabale“, mithin einer jüdisch-freimaurerischen Gruppe von Verschwörern, deren Pläne durchkreuzt wurden vom Werk des Autokraten Putin, dessen „beachtliches Ansehen“ offenbar auch bei den Autoren beachtlichen Eindruck macht.

Falls die übrige Welt dieses Gewimmer ernst nimmt, müsste das Putins beachtliches Ansehen noch vergrößern. Wenn ein Computerhacker aus Moskau tatsächlich die Lieblingskandidatin des gesamten US-Machtestablishments schlagen kann, heißt das nur, die politische Struktur der Vereinigten Staaten ist so anfällig, dass ein paar bekanntgewordene E-Mails ihren Zusammenbruch herbeiführen können.“

Es ist so auch vollkommen unklar, was genau die Autoren glauben lässt, es handle sich bei Clinton um die Lieblingskandidatin des gesamten US-Machtestablishments, als hätte sich nicht fast die gesamte republikanische Partei hinter Trump gestellt und seine Kandidatur gestützt, als vertrete er die Linie der Partei statt einen völlig neuen Modus der Politik, der den Börsen allerdings bis dato deutlich entgegenkommt. Die Steuersenkungen für Reiche, die Ernennung von Großindustriellen für sein Kabinett, sein gesamter Führungsstil, der den Weg für sämtliche Fraktionen des Kapitals möglichst freischaufelt von demokratischen Hürden, die es bis dato noch behinderten, macht die Trumppräsidentschaft für beträchtliche Teile dessen, was Machtestablishment in den Vereinigten Staaten heißt, attraktiv. Auch die Koch-Brothers, die bisher stets ein Präsidentenmacher der Republikaner waren und sich anfänglich zurückhaltend gegenüber Trump verhielten, waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels längst auf eine Linie eingeschwenkt, die Trump willkommen hieß und versuchten, Einfluss auf seine Politik zu nehmen.

Dabei ist diese Regierung selbst berüchtigt dafür, in jedermanns privater Kommunikation herumzuschnüffeln, und dafür, mit wenig subtilen Methoden eine Regierung nach der anderen zu stürzen. Ihre Agenten, die damit prahlten, wie sie die Russen bei der Wiederwahl des abgrundtief unpopulären Boris Jelzin 1996 in Panik versetzten, schreien nun pathetisch: »Mama, Wladi spielt mit meinem Hackerspielzeug!«. (…)

Die schlechten Verlierer an der Spitze wissen zumindest, was sie tun, und haben ein Ziel. Die schlechten Verlierer in den unteren Etagen äußern Gefühle ohne klare Ziele. Es ist eine verlogene Dramatik, zum »Widerstand« aufzurufen, als wäre das Land von Außerirdischen überfallen worden.“

Weder junge Welt noch Counterpunch scheinen ein Problem damit zu haben, dass der Widerstand gegen Trump auf eine bösartige Kampagne von Weltverschwörern einerseits und eine ahnungslose Kampagne von schlechten Verlierern andererseits heruntergebracht wird. Die antisemitische Rhetorik des Wahlkampfes ist so vergessen wie die Wahl eines Vizepräsidenten, der sich wiederholt gegen LGBT-Rechte in Stellung gebracht hat, die Polemik gegen die Vertreter der Umweltbewegung ist so vergessen wie die gegen Mexikaner, kurzum, die Forderungen sämtlicher Progressiven, die tatsächlich den Widerstand mobilisieren, werden sämtlich diskreditiert, so als gäbe es keine guten Gründe zum Widerstand, sobald ein Präsident einmal demokratisch gewählt wurde.

Das US-amerikanische Wahlsystem ist zwar antiquiert und bizarr, doch Trump hat sich an die Spielregeln gehalten. (…) Nicht er ist das Problem, sondern ein politisches System, das die Wahl auf zwei verhasste Kandidaten mit einem Haufen Kohle im Rücken reduziert.

Was auch immer sie denken oder fühlen mögen, die vor allem jungen Anti-Trump-Demonstranten in den Straßen bieten das Bild von verzogenen Blagen einer hedonistischen Konsumgesellschaft, die einen Wutanfall kriegen, sobald sie nicht bekommen, was sie wollen.“

Der gesamte Protest wird verharmlost als kurzsichtiges Verhalten im Dienste der geheimen Herrscher der Vereinigten Staaten, die Hillary Clinton an der Macht sehen wollten. Die Rede von den verzogenen Blagen macht aus den Demonstrierenden so unmündige wie verwöhnte Kinder, die es gewohnt sind, von der Macht hofiert zu werden: so erscheint es mit einem Male, als wären sämtliche Unmutsäußerungen die Reaktion darauf, dass nun der geheimen Elite nicht mehr automatisch ihre Wünsche erfüllt werden, worauf die Bevölkerung als ihre abhängigen Zöglinge mürrisch reagiert.

Natürlich sind manche auch ernsthaft besorgt über Freunde, die als illegale Immigranten ihre Abschiebung fürchten. (…) Aber ob es ihnen passt oder nicht, ihre Proteste laufen auf eine Fortsetzung der beherrschenden Themen in Hillary Clintons Wahlkampf hinaus. Sie setzte auf Angst. (…) Sie schuf die Illusion, bei Trump handele es sich um einen gewaltbereiten Rassisten, dessen einziger Programmpunkt im Aufruf zu Hass bestehe.“

Trotz eines Lippenbekenntnisses zu den illegalen Immigranten, die berechtigt ihre Abschiebung fürchten, beharren die Autoren darauf, dass es sich bei den Protesten um den Aufstand gegen eine „Illusion“ handle — als habe Trump nicht in der Tat einen spaltenden Wahlkampf geführt, der sich im Wesentlichen auf die Schlagworte von der „Wall“ und die „Trockenlegung des Sumpfes“ reduzieren ließ und als sei nicht er selbst es gewesen, dessen Wahlkampf und Präsidentschaft unter dem Zeichen der Angst standen. Noch die Inaugural Speech legte davon bezeichnend Zeugnis ab: Trump sprach von einem „American Carnage“, das nun unter seiner Präsidentschaft ende, von den verrostenden Fabriken die wie Grabsteine im Land verstreut lägen — vor allem aber sprach er von einem Establishment, von dem er sich nun abkehre. Diese Propaganda lässt man ihm nicht nur durchgehen, man glaubt sie ihm sogar wortwörtlich trotz aller gegenläufigen Indizien. Als sei nicht auch diese Propaganda gegen ein wie auch immer geartetes Establishment selbst entzweiend und in der Tendenz antisemitisch, wie das eigene Geschwätz der Autoren von der Clinton-Kabale belegt, wird stattdessen sämtliche Entzweiung der amerikanischen Gesellschaft den Clintons und ihren Anhängern zur Last gelegt.

Und was noch schlimmer war: Hillary stigmatisierte Millionen von Wählern als »einen Haufen bedauernswerter Rassisten, Sexisten, Homophober, Xenophober und Islamophober – oder wie auch immer ihr sie nennen wollt«. Diese Aussage machte sie als Teil ihres Feldzuges für Identitätspolitik bei einer Lesben-, Gays-, Bisexuellen- und Transgenderdemonstration. Durch die Stigmatisierung einer schwindenden weißen Mehrheit sollte eine Minderheitenklientel gewonnen werden. Nach der Prämisse der Identitätspolitik werden ethnische und sexuelle Minderheiten unterdrückt und sind daher der weißen Mehrheit moralisch überlegen, die als Unterdrücker gilt. Durch diese Einteilung in unterschiedliche moralische Positionen werden die Amerikaner gegeneinander aufgebracht und zwar mindestens in dem Maß wie durch Trumps zugespitzte Rhetorik über Mexikaner oder islamische Migranten oder sogar noch mehr. (…)“

Die Clinton-Kabale führt so einen Feldzug gegen die Mehrheit, die schwindet, zugunsten von Minderheitenklientelen, die sie ganz im Sinne ihrer globalistischen Agenda protegieren. Wie LGBT-Rechte in Anschlag dafür gebracht werden, Israel als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten zu verteidigen, so werden hier die LGBTs gebraucht, um die weiße Mehrheit zu entzweien und gegeneinander aufzubringen. Weshalb die Clinton-Kabale überhaupt ein Interesse daran haben sollte, weiße Amerikaner gegeneinander aufzubringen, muss nicht einmal mehr erläutert werden. Kundige Leser des Artikels wissen nämlich längst, dass diese kleine, verschwörerische Clique von Leuten eine Agenda des Divide et impera verfolgt und haben längst die Juden erkannt, die im Hintergrund die Strippen ziehen. Demgegenüber sind Trumps Ausfälle gegen tatsächliche Minderheiten vernachlässigbare Ausfälle. Die Junge Welt bietet mit dem Artikel astreinem Antisemitismus eine Bühne, der zudem demonstriert, inwiefern auch die Positionierung der Trumpregierung zu Israel, die ebenfalls zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kein Geheimnis mehr war, nicht die antisemitischen Elemente seines Wahlkampfes kompensiert.

In größter Not schiebt die Clinton-Kampagne schließlich den angeblich von Russland verbreiteten »Fake News« die Schuld für Hillarys Niederlage zu. Dabei handelt es sich nur um eine weitere Facette in der zunehmenden Tendenz zur Internetzensur, die sich angeblich gegen Kinderpornographie und Antisemitismus richtet. Jetzt kann man, unter dem Vorwand »Fake News« zu bekämpfen, alles zensieren, was gegen die offizielle Linie verstößt. Diese Bedrohung der Freiheit übertrifft elf Jahre alte Männerklomachosprüche von Trump bei weitem.“

Bezeichnend für diesen Antisemitismus ist, dass er nicht etwa die offizielle Linie als die Linie der Regierung, die ja nun unter Trumps Führung steht, begreift, sondern eine offizielle Linie des Establishments jenseits davon kennt, die angeblich bereits begonnen hat das Internet zu zensieren und zwar bezeichnenderweise unter dem Stichwort des Kampfes gegen Antisemitismus. Während die Trump-Regierung bereits anfing tatsächliche Nachrichtenagenturen als Fake-News zu denunzieren sowie Planungen verlautbart, das Press-Corps des Weißen Hauses zu verweisen, und an allen Fronten beginnt, die Freiheit der Medien zu beschneiden, sorgt man sich um die Zensur durch das ominöse Pseudoestablishment hinter den Kulissen, das Trump angeblich feindlich gegenübersteht. Ihm gegenüber verblassen noch die sexistischen Übergriffigkeiten Trumps zur absoluten Bedeutungslosigkeit, die man als kluger Oppositioneller schlicht weglächeln sollte.

Es wird und muss eine starke Opposition gegenüber jeglicher reaktionärer Innenpolitik der Trump-Administration geben. Diese Opposition sollte Themen klar benennen und bestimmte Ziele verfolgen, anstatt einen generellen Widerstand zu proklamieren, der zu nichts führt.“

Die reaktionäre Gesinnung Trumps wird so reduziert auf eine mögliche reaktionäre Innenpolitik, während seine Außenpolitik in Hinblick auf den möglichen Schulterschluss mit Russland als de facto progressiv verstanden wird. Dass dieser Progress grade darin besteht, dass der Frieden mit dem Autoritarismus gemacht wird, ficht bei der jungen Welt und dem Counterpunch niemanden an: der Weg des Fortschritts ist der Weg in den Frieden, und wenn dieser Frieden ein Frieden von Nationen starker Führer ist, die ihre jeweiligen Völker in eine strahlende Zukunft führen, umso besser. Schließlich sind weder Trump noch Putin an Krieg interessiert: interessiert an Krieg ist ein westliches Establishment, das aus einer Reihe von Ideologen besteht, die den Mittleren Osten im Interesse einiger weniger umstrukturieren wollen und das dabei ist, das Internet zu zensieren, um den Antisemitismus einzudämmen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die hysterische Anti-Trump-Fraktion versteht nicht, mit welcher Absicht Putin die Schuld für Hillarys Niederlage zugeschoben wurde. Will die Jugend auf der Straße wirklich Krieg mit Russland? Das bezweifle ich. Aber sie begreift nicht, dass Trumps Präsidentschaft trotz aller offensichtlichen Mängel die Möglichkeit enthält, einen Krieg mit Russland zu vermeiden. Diese Tür wird krachend zugeschlagen, wenn sich das Clinton-Establishment und die Kriegspartei auf den Weg machen. Ob sie es verstehen oder nicht, die Demonstranten helfen dem Establishment, Trump zu delegitimieren und das einzig Positive in seinem Programm zu sabotieren: Frieden mit Russland.“

Dieses Establishment schob sogar Putin die Schuld für Hillarys Niederlage zu, um den Krieg mit Russland vorbereiten zu können. Interessanterweise sind die Interessen dieses Establishments nicht etwa kapitalistische Interessen, denn die sprächen nach Ansicht der Autoren dafür, gerade Trump gewähren zu lassen.

(…) Realistisch gesehen, kann das kapitalistische Amerika einzig und allein durch kapitalistische Geschäfte zum Frieden mit Russland kommen. Und genau das schlägt Trump vor. Etwas Realismus hilft beim Umgang mit der Realität. (…) »Mach Geld, nicht Krieg«, lautet an dieser Stelle der pragmatische amerikanische Friedensslogan.“

Das Establishment hat also andere Interessen als den Kapitalismus: es will Krieg, selbst um den Preis von Verlusten. Warum es diesen Krieg will, benennen die Autoren nicht. Ihren Lesern ist zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass diese Clique Krieg um seiner selbst willen möchte, wie sie auch längst verstanden haben, wer hinter all dem steckt. Für die ganz Begriffsstutzigen wird man aber bei der jungen Welt auch gerne noch einmal explizit.

Aber der »Widerstand« gegenüber Trump wird wohl diese pragmatische Friedenspolitik nicht unterstützen, denn Friedenspolitik stößt im kriegliebenden Kongress bereits jetzt auf Opposition. Statt dessen stärken die desorientierten Linken nun mit ihrem »Trump ist nicht mein Präsident«-Geschrei unabsichtlich diese Opposition, die viel schlimmer ist als Trump.

Durch die Vermeidung eines Kriegs mit Russland wird Washington nicht zum Ort, an dem Milch und Honig fließen. Trump ist eine aggressive Persönlichkeit, und die aggressiven Opportunisten des Establishments, vor allem die Pro-Israel Freunde, werden ihm helfen, die US-Aggression woanders hin zu lenken. (…)“

Es sind die aggressiven Opportunisten, die Pro-Israel Freunde(sic!), also die Juden der amerikanischen Politik, die die US-Aggression selbst dann lenken werden, wenn ein Krieg gegen Russland abgewendet werden können sollte. Diese Pro-Israel-Freunde sind es schließlich und endlich, die in letzter Konsequenz die USA immer wieder gegen die freien Völker der Welt aufhetzen. Wie aber konnte es soweit kommen, dass selbst die Linke diesen Kriegshetzern in die Hände spielt? Auch dafür haben die Autoren eine Antwort.

Das traurige Bild von Amerikanern, die als schlechte Verlierer unfähig sind, die Realität zu akzeptieren, ist zum Teil dem ethischen Versagen von Intellektuellen der sogenannten 68er-Generation zuzuschreiben. (…) Ihnen geht es nur noch darum, alle Aufmerksamkeit von Jugendlichen auf die Frage zu richten, wie man richtig auf das Sexualleben anderer und auf »Genderidentität« reagieren soll. Mit diesem esoterischen Zeug wird das »Veröffentliche-oder-stirb-aus-Syndrom« genährt.“

Die Malaise ist da begründet, wo die 68er — also die von der Frankfurter Schule beeinflussten Studenten und die Anhänger des Cultural Marxism — die Sozialwissenschaften beeinflussten. Ihnen geht es vorgeblich schlichtweg um Sexualität, wodurch bereits Jugendliche mit Perversionen verdorben werden, die sie vom echten, harten Leben ablenken. Unabhängig davon, dass diese Charakterisierung der 68er grundfalsch ist, ist es interessant, dass die Autorin dieses Versagen nicht etwa als ein politisches oder intellektuelles, sondern als ethisches beschreibt. Aufgrund eines Verfalls der Sitten habe man sich also dafür entschlossen, die Jugend zu verderben. Berücksichtigt man, dass die 68er zudem die Generation der Friedensbewegung und der Anti-Vietnam-Demonstrationen waren, wird die Einschätzung ihres Einflusses ganz besonders grotesk:

Akademiker in den Sozialwissenschaften werden so davon abgehalten, irgend etwas zu lehren, was als Kritik an den US-amerikanischen Militärausgaben gelten könnte oder an den gescheiterten Anstrengungen, die US-Vorherrschaft in der globalisierten Welt für ewig zu behaupten. So besteht die wichtigste Kontroverse diese Akademiker nun darin, wer welche Toilette benutzen darf. (…)“

Zu verstehen ist diese groteske Verdrehung der Realität nur, wenn man den Rekurs auf die 68er ebenfalls durch den Filter einer antisemitischen Brille betrachtet. Dann nämlich erscheint die Rebellion und die sexuelle Revolution als Ausdruck eines Übergriffes eines verjudeten, intellektuellen Klüngels auf die gesunden Volkskörper der westlichen Gesellschaften. Die Kontroverse darüber, wer welche Toiletten benutzen dürfe, war zuletzt weniger die Sache von Akademikern als vielmehr von Trumps Partei, die sich schließlich für Toilettenverbote für Transgender-Menschen einsetzte. Der Verweis darauf, es handle sich dabei um die „wichtigste Kontroverse“ dieser Akademiker ist eine Nebelkerze, die darauf zielt, das ganze Feld der Arbeit an Minderheitenrechten zu diskreditieren.

Trump ist die Rache jener Menschen, die sich manipuliert, vergessen und erniedrigt fühlen. Mit all seinen Fehlern ist er für sie die einzige Möglichkeit, ihre Revolte in einer miesen Wahl zum Ausdruck zu bringen. Die USA sind sowohl ideologisch als auch ökonomisch zutiefst gespalten. Sie werden nicht von Russland bedroht, sondern von ihren eigenen inneren Spaltungen und von der Unfähigkeit der Amerikaner, die Welt oder sich gegenseitig zu verstehen.“

Die einzige Möglichkeit die Welt zu verstehen allerdings wäre, so scheint es nach Lektüre dieses Artikels, sie durch ein Raster zu begreifen, das die Welt antisemitisch kodiert. Diese antisemitische Kodierung ist eine, die sich bereits durch den gesamten Wahlkampf Trumps zog und die in der Lage ist — die Veröffentlichung des Artikels in der jungen Welt beweist es — noch diejenigen Gehalte von Trumps Programm goutierbar zu machen, die sonst selbst einer Postille wie der jungen Welt kalte Schauer über den Rücken jagen müssten.

Dass Trump sein Kabinett geschlossen mit Repräsentanten des Großkapitals besetzt, wird dann so vernachlässigbar wie seine rassistische Rhetorik, seine sexistischen Ausfälle werden so entschuldbar wie sein Vorgehen gegen die Presse. Es genügt, dass er einem imaginären Establishment opponiert und zur Stimme derer wird, die sich manipuliert fühlten, um ihm die Sympathien derer zu sichern, die schon lange nur noch die Welt als gigantische Manipulation begreifen wollen.

Am Artikel „Schlechte Verlierer“ zeigt sich, inwiefern die Wahl Trumps nicht etwa im Entferntesten als eine Stimme gegen Islamismus und Antisemitismus begriffen werden kann, sondern inwiefern sein Sieg gerade von jenen als Signal verstanden wird, die den Antisemiten das Wort reden. Es steht zu befürchten, dass diese Interpretationsmuster sich umso mehr verfestigen, je weiter seine Präsidentschaft fortschreitet und je vehementer er in einen Gegensatz zu Presse und Wahrheit getrieben werden wird. Wie linksdeutsche Journaille darauf reagiert, wird abzuwarten sein: im Falle der jungen Welt jedenfalls scheint man geneigt, noch den reaktionärsten Autoritarismus umso mehr zu feiern, je deutlicher er jeder linken Basisbanalität widerspricht. Darin offenbart sie eine Offenheit der Anschauungen, die sich nicht mehr anders beschreiben lässt als mit dem Sätzlein, dass wer für so etwas noch offen sei, ganz offensichtlich nicht ganz dicht sein könne.

2 Gedanken zu „Trump, die junge Welt und der Antisemitismus

  1. Interessant wie unterschiedlich man diesen Artikel lesen kann. Richtig, die Autorin ist umstritten: https://de.wikipedia.org/wiki/Diana_Johnstone Aber zum einen kann aus einem Gastbeitrag keine neue Linie einer Zeitung gemacht werden und zum anderen versteh ich den Text anders: er verdeutlicht auch wie verlogen die Reaktion auf den rechtspopulistischen und „aggressiven Trump“ sind. Als Linke gab es in den USA die Wahl zwischen der verlässlichen und bewährt neoliberalen Bellizistin Hillary und dem rassistischen sexistischen und unberechenbaren Trump. Friedenspolotik würde ich seine Ankündigungen nie nennen, kann sein dass sein Nationalismus mit üblen Motiven oberflächliche KOllateralnutzen hervorbringt, merh aber auch nicht. INsgesamt wird es bedrohlich und krude was seine Politik anbelangt. Ich bin nicht mit allen EInschätzungen im Artikel einverstanden finde die generelle Bewertung gegenüber der jungen Welt so aber nicht nachvollziehbar.

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