Unästhetischer Kapitalismus – Notizen zu Zivilität und Kapital

Konstantin Bethscheider über unästhetischen Kapitalismus, die dahinter stehenden kulturellen Kämpfe und die partielle Konvergenz neoliberaler Ideologie und antideutscher Theorie. 

Während die, die hierzulande „Wir sind das Pack“ rufen, noch eine Minderheit stellen, hat jenseits des großen Teiches der „Basket of deplorables“ längst einen der ihren ins weiße Hausbefördert. Die augenscheinliche Hässlichkeit der neuen Bewegungen, die überall aus dem Bodensprießen, ihre Unfähigkeit zu allem, was selbst von fern als gute Sitte verstanden werden könnte, ist so sehr mit ihrem Begriff verschweißt, dass es an Fahrlässigkeit grenzen würde, sie als ein Oberflächenphänomen misszuverstehen. Der Mangel an Geschmack und Sittlichkeit sind nicht etwa Randerscheinungen, die schlicht durch die Bildungsferne der betreffenden Akteure erklärt werden könnten, sondern selbst integraler Ausdruck ihres Protests, wie sich an den alles andere als bildungsfernen Trollen der Alt-Right und paradigmatisch an der Figur des Milo Yiannopoulos ablesen lässt. Anders aber als die Trolle, die als benimmlose Avantgarde der neuen Herrschaft gelten können, vollzieht das Pack seinen Protest unbewusster. An ihnen ist gerade unmoralisch, was verbissen an alten Normen festhalten will, ohne einzusehen, inwiefern diese sich überlebten oder was die Privilegien, die sich aus der Einhaltung dieser Normen ergaben, einer bestimmten Minderheit vorbehalten will, die nicht selten der alten Garde weißer Männer entspricht, die noch bis unlängst die Hebel der gesellschaftlichen Macht in der Hand hielt. Ihnen fehlt jegliche Einsicht in das, was das Aufkommen neuer und alternativer Lebensformen begünstigte, außer der einen, dass deren Aufkommen mit ihrem Niedergang einherging. Kaum einmal raffen sie sich dabei auf, ein Ohr für jene zu finden, deren Leben bis dahin eine wahrhaftige Hölle des Ausschlusses aus dem gesellschaftlichen Leben war, und selten genug kennen sie einen derjenigen, die sie gerne zugunsten des Status Quo Ante expropriieren würden persönlich, aber sicher genug sind sie sich allemal darin, dass die Korrelation zwischen Niedergang der alten Größe ihrer Staaten und Aufstieg neuer Lebenskonzepte eng genug ist, um den Grund von jenem in diesen zu suchen.

Gänzlich von der Hand zu weisen ist dieser Verdacht nicht. In der Tat besteht eine innige Verbindung zwischen der neuen lebensweltlichen Ästhetik eines entfesselten hedonistischen Materialismus und dem Niedergang der alten Welt, die nur in ihrer Verschlingung adäquat zu begreifen ist. Während Konzepte des „cultural marxism“ wie der „ästhetische Kapitalismus“ unbegreiflich lassen, inwiefern der Umschlag vom ästhetischen Kapitalismus in die Ästhetik der Verabscheuenswerten umschlagen konnte, lassen es klassische marxistische Konzepte wie eine Analyse der neoliberalen Ideologie unbeantwortet wie es sein kann, dass gerade die Hässlichkeit zum Merkmal einer kontinenteübergreifenden Solidarität eines Lumpenpacks werden kann, das noch die eigenen Lumpen feist bespuckt.

Die These des „ästhetischen Kapitalismus“, die von Gernot Böhme in Anlehnung an Adorno, Horkheimer und Haug auf der einen Seite und Veblen, Baudrillard und Bataille auf der anderen Seite entwickelt wird, beruht grundlegend auf der Annahme, dass das Wachstumsbedürfnis des modernen Kapitalismus in eine Gesellschaft triebe, deren Märkte neben der Erfüllung der Bedürfnisse zudem eine Ökonomie der „Begehrnisse“ zu etablieren hätten, worunter all jene nicht zu stillenden Quellen der Befriedigung zu zählen sind, die nach einem stetigen Mehr verlangen. Das maßgeblichste Begehrnis dabei ist dasjenige, das nach eigener Inszenierung strebt, um sich vor dem Hintergrund von Massenarbeitslosigkeit und zunehmender Irrelevanz des Einzelnen als unersetzlicher Teil der Gemeinschaft darzustellen. Seine Befriedigung wird zum maßgeblichen Konsumfaktor der Massen, insofern diese neben ihrem Dasein als Masse darauf angewiesen sind, sich als leistungsfähige Einzelne herauszustellen: wo nicht in der Produktion, da doch zumindest in der Konsumption, in der ihnen abverlangt wird, „Geschmack“ zu beweisen. Das Wachstumsbedürfnis des entfesselten Kapitalismus bedingt dabei zweierlei: einerseits eine beständige Notwendigkeit, diesen Geschmack durch neue „Lifestyle-Choices“ zu bestätigen, andererseits eine Ausweitung des im Rahmen des guten Geschmacks möglichen auf eine möglichst große Anzahl von Konsumenten, die als potentielle Absatzmärkte zur Verfügung stehen. Vom Standpunkt des Kapitals und der Marktrationalität aus betrachtet ist prinzipiell nicht einzusehen, weshalb es seine Gewinne nicht an Schwulen, Transgendern, Afroamerikanern oder andern bis dahin unterrepräsentierten Minderheitengruppen machen können sollte, weshalb seine kulturindustrielle fünfte Kolonne beständig bestrebt ist, eine umgreifende Inklusion all jener Gruppen samt ihrer zugehörigen Ästhetiken in den Mainstream vorzunehmen. Dort, wo die Bestätigung des Lifestyles als geschmackvolle Kultur scheitert, erlauben es die Identitätspolitiken, die traditionell als Spielfeld der Linken und des „Cultural Marxism“ gelten, sich jenseits des Mainstreams Nischen aufzubauen, sodass die Fragmentierung der Sexualitäten beispielsweise längst über LGBTIAPQ* hinausgeht und ernsthaft unter dem Stichwort des Cultural Cannibalism diskutiert wird, ob die „Aneignung“ von Erscheinungsweisen, die traditionell bestimmten (rassischen) Identitäten zugeordnet werden, ethisch vertretbar sei. Ins Hintertreffen geraten bei diesem Modell diejenigen, die vielleicht nicht zwingend Anhänger traditioneller Lebensweisen sind, aber aus diesem oder jenem Grund noch in ihnen befangen blieben. Ihnen fehlt der Glamour und die Exotik dieser noch zu erschließenden Märkte; ihre Repräsentation bleibt in den Produkten der gehobeneren Kulturindustrie aus, sodass sie aufs „Unterschichtenfernsehen“ und „Daytime-TV“ verwiesen sind, in dem noch normale Menschen ihre abnormalen Probleme zum Besten geben, die allerdings keinerlei Distinktionsgewinn mehr mit sich bringen. Als bereits erschlossene kaufkräftige Nachfrage bleiben sie doch eigentümlich konturlos in dem Maße, in dem ihre Kaufkraft eben doch nicht mehr reicht, sich in die Inszenierungsregime der hippen, flexiblen Millenials hineinzuheben, deren amorpher Lebensstil schon daher schlecht kopierbar ist, als er sich direkt aus veränderten materiellen Notwendigkeiten ergibt. Millenials sind fleischgewordener Sachzwang und apolitisiertes Resultat mehrerer Dekaden neoliberaler Umgestaltung der Lebenswelt. Während diese noch aus dem Flair, den ihre Neuheit bedient, einen gewissen Distinktionsgewinn ziehen können, der sie vorab abhebt vom traditionalistischen Pack, sieht dieses sich zunehmend unter einem Zugzwang, der fatal wirkt, wenn man bedenkt, was für beträchtliche Teile des Elektorats noch von ihm gestellt werden.

Der kapitalistische Nationalstaat sieht sich dadurch zunehmend der Divergenz der Interessen zweier Interessengruppen ausgesetzt, die beide gleichermaßen für sein Fortbestehen notwendig sind und derzeit in sichtlicher Disharmonie stehen. Auf der einen Seite ist das das Interesse des Elektorats, der Kleinfamilien und Arbeitnehmer, zuletzt also klassischer Modelle des Individualismus in bürgerlichen Staaten; auf der anderen Seite die Interessen des Kapitals als Klasse, die es seit den Siebzigern in stetig steigendem Maße gegen die sozialstaatlichen Einigungen der Nachkriegszeit durchsetzt. Über Jahrzehnte hinweg hat sich das neoliberale Gesellschaftsprojekt Zeit gekauft, indem die Konsumgesellschaft des ästhetischen Kapitalismus zunächst die Geldmenge inflationierte und sich dann durch Staatsverschuldung und Kreditvergabe Massenloyalität sicherte. Entgegen der Voraussagen des „cultural marxism“ ergaben sich Legitimationsprobleme dieses undemokratischen Modells nicht zunächst in der Arbeiterschaft, wie auch immer es Ende der sechziger und frühen Siebziger kurzzeitig danach aussah, sondern auf der Seite des Kapitals. Spätestens seit 2008 ist noch dem zuversichtlichsten Marxisten und nicht wenigen der bürgerlichen Ökonomen klar, dass die Idee einer technokratisch beherrschbaren Wohlstandsmaschine, die sich durch die Produktion endlos neuer Begehrnisse relativ krisenfrei ausdehnen kann, eine Illusion war, die nun dringend revidiert werden muss. Die Aufkündigung des Sozialausgleichs, der nach dem Krieg notwendig geworden war, um den Fortbestand des kapitalistischen Systems vor den Massen zu rechtfertigen, begann dabei in den Siebzigern, als sich unter den Eindrücken von 1968 und der erhöhten Streikbereitschaft, die dann in Konjunktion mit der Rohstoffkrise trat, fürs Kapital abzeichnete, dass der Kompromiss auf die Dauer den Kapitalfraktionen unannehmbare Konditionen aufnötigen würde. Die Vollbeschäftigung, die bis dahin der Motor des Aufschwungs war und grundlegender Teil des Versprechens über Wohlstand und Arbeit für alle, war ab 1970 nicht mehr gewährleistet, was recht genau den Zeitpunkt angibt, ab dem durch eine Anpassung der Geldpolitik die Erwartungen des Elektorats akkommodiert wurden. Die hohen Inflationsraten und inflationäre Geldpolitik sicherten den sozialen Frieden und ersetzten die Wachstumsgesellschaft, die an ihr Ende gelangt war, durch die Konsumgesellschaft. Dieser Burgfrieden währte freilich nicht lange: der trotz weiterhin starker Inflation einsetzende erneute Rückgang des Wachstums gegen Ende der Siebziger führte eine bleibende Sockelarbeitslosigkeit ein, die nun mit einem gesunkenen Vertrauen ins Währungssystem koinzidierte, das nur durch die Gewaltmaßnahmen von Regierungen wie der Reaganschen oder Thatcherschen annähernd in Zaum gehalten wurde. Sie, die die gesellschaftliche Macht der Gewerkschaften nachhaltig brachen, restituierten das Vertrauen der Märkte auf Kosten von Massenarbeitslosigkeit und einer Zerschlagung der Gewerkschaften, die die weltweite Streikrate gegen Null senkte, wo sie bis heute verbleibt. Da das Finanzinstrument des Fiat Money sich dadurch nachhaltig erschöpft hatte, musste der Erhalt des sozialen Friedens anderweitig besorgt werden. Nicht mehr die staatlichen Notenpressen, sondern das private Kreditwesen war nun gefragt. Kredite wurden aufgenommen und öffentliche Leistungen privatisiert; die Alters- und Gesundheitsvorsorge so gut als möglich in private Hand gelegt. Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte verursachte einen gefährlichen Rückgang der Nachfrage, der mit der Liberalisierung der Kapitalmärkte beantwortet wurde, die eine rapide Erhöhung der Privatverschuldung ermöglichte, sodass sich eine Art privatisierter Keynesianismus etablieren konnte. Dieser, der staatliche Verschuldung durch Privatverschuldung ersetzte, wurde ideenpolitisch gestützt durch eine neue Theorie der Kapitalmärkte, der zufolge diese sich selbst regulieren und staatlicher Regulierung nicht bedürfen. Spätestens ab diesem Punkt ist eine Theorie durchgesetzt, die der Marxschen Kritik des automatischen Subjekts aufs Haar gleicht, mit dem Unterschied, dass ihr Existenzgrund der Lob ebenjenes Subjektes ist, das wie kein anderes die Liberalisierung und Zivilisierung von Gesellschaften vorantreibe. Bezeichnenderweise trifft sich hierin die neoliberale Ideologie passgenau mit der antideutschen Theoriebildung, die ungeachtet jedes Worts von der Gesellschaft der Tortur, wie es Adorno noch formulierte, die Verteidigung der Kapitalrationalität wider der Rationalität wie auch immer verfasster Gemeinschaften stellt. So sehr die markttechnischen Bedürfnisse des Kapitals auf seiner kulturindustriellen Seite diese Theorie zu bestätigen scheinen, so sehr spricht ihr die „Aushungerung des Biestes Staat“ Hohn, die letztendlich erstens ein weiteres und weitaus substantielleres Bedürfnis des Kapitals ist und zweitens die reaktionärsten Teile des Staatsvolkes grade als solche entfesselt. Nach der teilweisen Übersetzung der Staatsschuld ins private Schuldenwesen und den Bankenrettungen erscheinen die Bedürfnisse des Marktes vollendet ideologisiert als entpolitisierte Fragestellungen, die nicht diskutiert werden, sodass sich ein Widerstand nur noch an moralischen Fragen entzünden kann. Dies ist der entscheidende Moment für die Hässlichen, deren Zurückgebliebenheit als der deutlichste Gegenpol zu den neoliberalen Marktstrategien erscheint. Sind die Märkte einmal entpolitisiert und das Kapital vollendet als automatisches Subjekt statt als Klasse ideologisiert, ist die Entzivilisierung des Diskurses der einzige noch sichtbare Gegenpol zur Zivilisierung durch die Märkte. Jeder Widerstand gegen diese Politik muss sich also gezwungenermaßen der Sisyphusaufgabe wappnen, den demokratischen Diskurs über die Lenkung der Märkte neu zu eröffnen. So unklar es ist, wo diese Aufgabe begonnen werden kann, so deutlich ist es, dass sie begonnen werden muss.

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