Hegels Klassenstandpunkt

Warum man mit Hegel zwar auf den Grund wichtiger philosophischer Fragestellungen stößt, mit ihm aber kein „wahrhaft menschlicher Zustand“ erreichbar ist, hat Andreas Stahl versucht anhand der Hegelschen Klassenposition in dessen Schrift „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ darzulegen (ist ja vorher noch niemand drauf gekommen).

 

Wenn Hegel in der „Wissenschaft der Logik“ postuliert, wie er es auch an verschiedenen Stellen der „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ andeutet (vgl. bspw. §260), dass wirkliche Vernunft überhaupt nur im wechselseitigen Bezug von Allgemeinem und Besonderem bestehen kann und das Allgemeine nur insofern allgemein ist, als es auch besonders ist – und umgekehrt –, dann ermöglicht er damit die tiefe dialektische Einsicht in ein Problem, das bis zum heutigen Tage eine grundsätzliche Frage sowohl (subjekt-)philosophischer als auch gesellschafts- und staatstheoretischer Auseinandersetzungen betrifft. Es geht dabei um das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen, sofern man überhaupt (noch) bereit ist, so etwas wie ein Subjekt bzw. ein (wahlweise „wahres“ oder „unwahres“) Ganzes vorauszusetzen. Erst durch die dialektische Beschreibung von Besonderem und Allgemeinem kann Hegel zu der Annahme kommen, dass Geschichte „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ sei; dass Freiheit die Anerkennung und das Recht der durch die subjektive Willkür vermittelten kollektiven Vernunft sei (§206) und dass diese „objektive Freiheit“ genannte Freiheit sich schließlich entfalte im Staat, welcher „die Wirklichkeit der sittlichen Idee“ darstelle (§257).

Nun wäre die Behauptung, Geschichte sei an sich vernünftig, eine bloß inhaltsleere Aussage, würde man nicht gleichzeitig danach fragen, für wen die Geschichte vernünftig sei. Denn die Vorstellung einer Vernunft an sich, völlig losgelöst von der subjektiven Vernunft der Einzelnen, würde gerade jene totalitär anmutende Verdinglichung des Begriffes erzeugen, die (nicht nur) der Hegelschen Philosophie letztendlich mit zum Verhängnis wurde und etwaige Verballhornungen beispielsweise der Vorstellung eines „Weltgeistes“ hervorbrachte. Geht man nun davon aus, dass es bei der Vernünftigkeit der Geschichte immer um die Frage des cui bono geht, dann ließe sich zunächst relativ nüchtern feststellen, dass Hegel die Geschichte vom Standpunkt des Siegers aus betrachtet. Für ihn stellt der Preußische Staat seiner Zeit die Inkarnation der objektiven Vernunft dar. Seiner Ausführung der drei verschiedenen Stände folgend (vgl. §203-§207), geht er gleichzeitig davon aus, dass der allgemeine Stand, womit vor allem BeamtInnen, aber auch PolitikerInnen und öffentliche WürdenträgerInnen gemeint sein mögen, die „allgemeinen Interessen des gesellschaftlichen Zustandes“ vertreten. Damit blendet er einerseits aus, dass diejenigen, die diesem allgemeinen Stand angehören, immer zunächst auch Individuen sind, die (legitimen) opportunistischen Maximen folgen und somit an der Aufrechterhaltung bestehender Verhältnisse interessiert sind. Andererseits affirmiert er bestehende Ungleichheiten in der Sozialstruktur dadurch, dass er die Ständeordnung gutheißt und behauptet, ein Mensch ohne Stand sei eine bloße Privatperson – als ob dies etwas Negatives wäre – und stehe damit nicht in wirklicher Allgemeinheit (§207, Zusatz). Daraus ließe sich, kritisch gewendet, ableiten, eine Gesellschaft ohne Klassen (also: Ungleichheit) stehe in keiner wirklichen Allgemeinheit und sei damit auch nicht vernünftig. Dies kulminiert in der Ansicht, es sei größtenteils der individuellen Willkür überlassen, welchem Stand man angehöre (§206), wodurch die Verantwortung der jeweiligen sozialen Lage des Individuums auf ebendiesen Einzelnen abgewälzt wird.

Hegels (in diesem Fall wohl unbewusster) Klassenstandpunkt wird auch deutlich, wenn man sich genauer anschaut, was er zur Beziehung von Individuum und Ökonomie zu sagen hat. Obwohl er in nahezu revolutionärer Art die dialektische Bewegung herausstellt, durch die in der bürgerlichen Gesellschaft mit dem Anstieg des Reichtums auch die Armut steigt, fällt seine Analyse der Ökonomie schließlich in vorkritische Stadien zurück. So geht er davon aus, dass das Individuum durch die Befriedigung eigennütziger Interessen gleichzeitig einen „Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse aller anderen“ (§199) leiste. Dass dies in kapitalistisch formierten Gesellschaften mitnichten der Fall sein muss und stattdessen sogar dadurch, dass wir es mit voneinander unabhängigen PrivatproduzentInnen zu tun haben, umschlagen kann in die Produktion von Überschüssen, die weder Gebrauchswert noch Tauschwert einzulösen in der Lage sind, ist mit Hegel dadurch nicht zu verstehen. Während diese fehlerhafte Auffassung dem mangelhaften Ökonomieverständnis der Zeit geschuldet sein mag, wird Hegels partikulare Sichtweise auf die Ökonomie offensichtlicher, wenn man seine Aussagen zur Ungleichheit heranzieht (§200): So sei Ungleichheit vor allem natürlichen Ursprungs und alle Versuche, der realen Ungleichheit die Forderung nach Gleichheit entgegenzusetzen, seien bloßes Verstandesdenken (im Gegensatz zum höheren Vernunftdenken) und ihrerseits partikular. Da scheint es nur folgerichtig, dass Hegel auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum nicht nur durch faktisch gegebenes Kapital (welches natürlich auch nicht vom Himmel fällt), sondern zu ebenso großem Teil durch die angeblich „natürlichen körperlichen und geistigen Anlagen“ der einzelnen Menschen zu erklären und legitimieren versucht. Hegel rechtfertigt reale Ungleichheiten also durch vermeintliche Natürlichkeit und behauptet zudem, im System menschlicher Bedürfnisse und ihrer Dynamik herrsche so etwas wie eine „immanente Vernunft“, welche das Ganze rational gliedere. Dieser Vorrang der Allgemeinheit, einer scheinbar objektiven Vernunft, vor dem besonderen Interesse verdeutlicht nicht nur Hegels Klassenstandpunkt, indem er das Leid der Einzelnen bzw. Angehörigen der unterprivilegierten Klassen/Stände in Kauf nimmt und ihnen zynisch zuruft, dass sie doch wenigstens TrägerInnen der objektiven Vernunft des Weltlaufs seien. Er zeugt auch von einem fatalen Missverständnis gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse, die eben keinem objektiven Zweck zuzurechnen sind, der natürlichen Ursprungs sei, und gerade deshalb als gesellschaftlich produzierte analysiert werden müssen, wie es v.a. Karl Marx dann später mithilfe seiner Kritik der politischen Ökonomie tat. Dadurch, dass Hegel die Staatsökonomie als reine Hilfswissenschaft zur Identifizierung wirtschaftlicher Bewegungsgesetze abqualifiziert (§189), entgeht ihm das, was Marx durch die Beschreibung des Doppelcharakters von Arbeit und Ware sowie des Fetischcharakters von Arbeit, Kapital und Ware ausarbeitete.

Nun ließe sich einwenden, dass Hegel sich zunächst mal sehr nüchtern nach dem richtet, was er vor Augen hat. Den idealistischen Vorsatz ausgeklammert, wonach das Seiende mit dem Geist identisch sei, könnte Hegel insofern sogar als Realist verstanden werden, der mit scharfem Blick bloß jenes rekonstruiert, was sich bis dato im Lauf der Geschichte zugetragen hat. Dies wäre jene ungeheure normative Kraft des Faktischen, die solange eine beinah unwiderstehliche Überzeugungskraft ausstrahlt, bis eine andere, eine im materialistischem Sinne befreite Gesellschaft verwirklicht wäre. Weil nun Hegel aber gerade jenen eingangs beschriebenen dialektischen Widerspruch zwischen Allgemeinem und Besonderem unzulässig zur Seite des Allgemeinen hin auflöst, entsteht hier ein nicht-dialektischer Widerspruch im Werk Hegels, der seine Sicht letztlich partikular werden lässt. Die dialektische Wahrheit von Besonderem und Allgemeinen wird der Konstruktion der dreigliedrigen Form von abstraktem Recht, Moralität und Sittlichkeit geopfert. Der Widerspruch von Individuum und bürgerlicher Gesellschaft wird durch die Affirmation des Staates geglättet. Indem Hegel die Bedingung der Möglichkeit eines „wahrhaft menschlichen Zustandes“ (Horkheimer/Adorno, DdA, S. 9), nämlich die Erkenntnis der notwendigen Unversöhntheit der Gesellschaft, nicht erfüllt, wird Hegel (sicherlich ungewollt) zum Stichwortgeber totalitaristischer Ideologien, welche ebenfalls stets dazu neigen, Widersprüche zum Begriff des Allgemeinen hin aufzulösen. Hegels tiefe Einsicht, dass die bürgerliche Gesellschaft, sofern sie sich selbst erhalten will, letztlich notwendig ins Autoritäre umzuschlagen droht, wäre dann konsequent zu Ende gedacht, wenn er seine Staatslehre als eine negative gesetzt, den totalitären Staat also bereits mitgedacht hätte. Indem er dies aber unterlässt, schert er gewissermaßen aus seiner sich selbst auferlegten Dialektik zwischen Besonderem und Allgemeinem aus und verkennt, dass die Herrschaft von Recht und Gesetz die eigentliche Voraussetzung dessen ist, was sie zu verhindern vorgibt, nämlich die Herrschaft bloßer Gewalt. Sobald der Gedanke der Vernunft sich nicht mehr an der Einzelvernunft orientiert, sondern hypostasiert wird, droht er, in Unvernunft umzuschlagen.

Die Angaben der Paragraphen beziehen sich allesamt auf die Suhrkamp-Ausgabe.

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