Ein Wort für die schweigende Mehrheit

Der Aufstieg des Donald Trump und sein Vorschein im Marvel-Kosmos

Von Konstantin Bethscheider

 

Dieser Text ist zunächst auf Neuestes von Parnassos erschienen, wo in Kürze auch eine Replik von Felix Bartels veröffentlicht werden soll.

 


Vorwort

»Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.«

(Karl Marx)


Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Lage der westlichen Gesellschaften verzweifelt ist: Die Wiederauferstehung politischer Kräfte, die man sich durch die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hindurch bereits angewöhnt hatte als ›Ewiggestrige‹ zu unterschätzen, legt davon ebenso Zeugnis ab wie die offenkundige Unmöglichkeit, dieser rasanten Regression mit den Mitteln des Intellekts zu begegnen. Während diesseits des Atlantiks AfD, Front National und Putin Erfolge feiern, die mit den Mitteln des Verstandes so schwer nachzuvollziehen sind, dass jede neue Hiobsbotschaft empfangen wird mit dem Lamento, dass noch ein Jahr zuvor der entsprechende Erfolg unvorstellbar gewesen sei, starren die Medien und die Intelligenzija jenseits des atlantischen Ozeans wie ein Reh im Scheinwerferlicht auf die Erfolge Donald Trumps, dessen kometenhafter Aufstieg nicht einmal durch Zerwürfnisse mit seinem natürlichen ideologischen Verbündeten Fox News behindert werden konnte.

Trumps Aufstieg, der weithin – nicht selten in Parallele zur Lage Europas – als Welle des Rechtspopulismus charakterisiert wird, verläuft rasanter als die Laufbahn seiner europäischen Verbündeten, die nicht selten eher indirekt das politische Klima innerhalb ihrer respektiven Gesellschaften verändern; zu nennen wären hier Sachverhalte wie die Kooperation der Bundesregierung mit dem Erdogan-Regime in Fragen der Flüchtlingsbekämpfung, die Wiederkehr des Nationalismus innerhalb der Linkspartei[1], der zunehmende Verfall des Schengen-Raums[2] und die immer größere Bereitschaft etablierter Politiker, die noch unlängst marginalisierten »Wutbürger« rechter Basisbewegungen in »ihren Sorgen ernstzunehmen«.

Trumps Aufstieg, der in vielerlei Hinsicht solche europäischen Vorkommnisse spiegelt – Flüchtlingsbekämpfung, Nationalchauvinismus, internationaler Isolationismus und die Prätention, die Stimme des ›kleinen Mannes‹ zu sein, treten hier ganz unverschämt und ohne jede Paraphrase zu Tage –, ist dennoch oder gerade deswegen dazu geeignet, eine Physiognomie auch der europäischen Mittelschichten zu illustrieren, die sich in ihm zur Kenntlichkeit entstellt.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Schwierigkeiten, die sich für die Analyse dieser neofaschistischen Bewegungen hier wie dort ergeben, resultiert dabei nicht etwa aus einer homogenen faschistoiden Ideologie, an der sich eine ideologiekritische Analyse abarbeiten könnte, sondern aus dem genauen Gegenteil: einer zunehmenden Absenz jedweder ideologischen Erwägung, die die Bürger der westlichen Gesellschaften im Angesicht globaler Probleme ökonomischer wie politischer Natur zu einer panischen Hetzmasse werden lässt, die sich außerstande sieht, den zunehmenden Verfall derjenigen Ideale, die noch Anfang der Neunziger die Rede vom Ende der Geschichte nährten, irgend zu verhindern.

Während jede partikulare Ideologie ihren Anhängern zumindest ein wie auch immer prekäres Glücksversprechen an die Hand gibt, das den sozialen Zusammenhang zumindest innerhalb der Gruppe gewährleistet, muss menschliches Erkennen zugleich die Stimmung registrieren, die die einzelnen Gruppen immer deutlicher in Pseudoaktivität hineintreibt.

»Pseudo-Aktivität, Praxis, die sich um so wichtiger nimmt und um so emsiger gegen Theorie und Erkenntnis abdichtet, je mehr sie den Kontakt mit dem Objekt und den Sinn für Proportionen verliert, ist Produkt der objektiven gesellschaftlichen Bedingungen. Sie wahrhaft ist angepaßt: an die Situation des huis clos. Der scheinrevolutionäre Gestus ist komplementär zu jener militärtechnischen Unmöglichkeit spontaner Revolution, auf die vor Jahren bereits Jürgen von Kempski hinwies. Gegen die, welche die Bombe verwalten, sind Barrikaden lächerlich; darum spielt man Barrikaden, und die Gebieter lassen temporär die Spielenden gewähren.«[3]

Ideologieabsenz und Analyseprobleme

Insofern ideologiekritische Fragestellungen und historisch-materialistische Fragestellungen zwingend aufeinander verwiesen sind, stellen die rapiden Veränderungen der politischen Landschaft Europas und der Vereinigten Staaten den Ideologiekritiker vor eine Reihe von Problemen, die sich nicht zuletzt darauf beziehen, dass jeder neue Tag so viele Veränderungen mit sich bringt, dass die Analyse der Geschehnisse auf der Höhe der Zeit zu einem Wettrennen zwischen Hase und Igel gerät, in dem der historische Materialist nur auf der Verliererseite stehen kann. Die korrekte Antizipation dessen, was sich post festum als wirklich herausgestellt haben wird, mithin die Möglichkeit politischer Prognosen, wird dabei dadurch unterminiert, dass nicht nur keine Kohärenz der politischen Positionen zu erwarten ist, sondern zudem die erschreckendsten Ankündigungen nicht etwa aus dem Lager »alarmistischer Gegner« stammen – sondern einfach ausbleiben.

Es sind vielmehr die Akteure dieses Rechtsrucks selbst, die beständig die Grenzen dessen überschreiten, wovor man sich noch kurz zuvor nicht einmal zu schaudern gewagt hätte: So wenig man den Grünen bei allem Marsch durch die Institutionen die Forderung nach bewaffneten Grenzen nachgesagt hätte, die Boris Palmer dann tatsächlich aussprach[4], so wenig war man noch vor einem Jahr geneigt zu vermuten, Trump wolle die Pressefreiheit angreifen[5] und das Versprechen von Kriegsverbrechen als Wahlkampfinstrument nutzbar machen. [6]

Dass diese Rhetorik in dieser Form derzeit noch schwer in Gesetzesvorlagen und politische Handlungen überführbar ist, verfehlt dabei gänzlich den Punkt: Sie findet in jedem Fall Resonanz bei einem beträchtlichen Teil des Elektorats, das sich trotz der beständigen Mahnungen der Presse und des Establishments nicht etwa mäßigt, sondern stets aufs neue bestätigt, dass der Status Quo in dieser Form nicht mehr erwünscht ist.

Müdigkeit an der Moderne, daher auch Müdigkeit gegenüber der Mündigkeit[7] ist das Lebenselixier der Rechten, sie motiviert die Motivationslosen, Verängstigten und Willensschwachen, deren Existenz nicht etwa wunschloses Glück, sondern wunschloses Unglück ist. Sie, die keine Kraft mehr zum Tagtraum nach vorne haben und daher die Regression suchen, sind nicht zu mobilisieren für die Sache der Vernunft, womöglich gar für eine vernünftige und durchsichtige Einrichtung der Gesellschaft. Ob die politischen Parteien, denen sich solche Massen andienen, sich vorerst noch links nennen und statt unmittelbar die Schwächsten und Geflohenen zu geißeln, zunächst die Reichen ihres Wohlstands wegen verdammen, macht dabei einen Unterschied ums Ganze. Hoffnung und Erkenntnis benötigen einander. Während die Linken in der Hoffnung auf Besserung der Lage immerhin verzweifelt versuchen, die Wogen zu glätten und zumindest öffentlich Bereitschaft bekunden, noch den letzten Kanten Brot zu teilen, werfen die Rechten zynisch all jene unters Rad, die der Schwäche in Zeiten der Not noch beistehen wollen, um ihren Kanten nicht teilen zu müssen.

Die Hoffnungslosigkeit der Ideologiekritik rührt daher, dass sie, insofern sie von ihren Wurzeln im historischen Materialismus abstrahiert, unempfindlich bleibt gegen die Sorgen ihrer Zeit und bereit wird, auf die Schwächsten einzuschlagen, um zumindest in ihren marginalisierten Gebieten noch einen Erfolg davonzutragen.[8]

»Daß Freiheit weithin Ideologie blieb; daß die Menschen ohnmächtig sind vorm System und nicht vermögen, aus ihrer Vernunft ihr Leben und das des Ganzen zu bestimmen; ja daß sie nicht einmal mehr den Gedanken daran denken können, ohne zusätzlich zu leiden, bannt ihre Auflehnung in die verkehrte Gestalt: lieber wollen sie hämisch das Schlechtere denn den Schein eines Besseren.«[9]

Hierfür sind sie bereit, sämtliche bereits erkämpften Sicherheiten und zivilisatorischen Errungenschaften aufzugeben: Es verlangsamte Donald Trumps Siegeszug nicht einmal, dass er verkündete, er könne mitten in New York auf offener Straße einen Menschen erschießen, ohne dafür Konsequenzen fürchten zu müssen, es tat der Massenbegeisterung für ihn keinen Abbruch, dass er verlautbarte, er würde Gewalt auf seinen Wahlkampfveranstaltungen nicht nur tolerieren, sondern sogar fördern.[10] Es stört Trumps Unterstützer nicht einmal zu sehen, wie einer der ihren sowohl den Medien zum Fraß vorgeworfen als auch von Trump hintergangen wird: Nachdem John McGraw tatsächlich Rakeem Jones ins Gesicht schlug, revidierte oder vergaß Trump all seine Versprechungen, er werde für die Gerichtskosten aufkommen. [11]

Die absolute Unmöglichkeit, sich auf Trumps Wort verlassen zu können, ist dennoch für seine Unterstützer so wenig ein Ausschlusskriterium, wie es je in Europa Ausschlusskriterium für einen Politiker war, zugleich das Hohelied der europäischen Zivilisation zu singen und Deals mit oft noch am gleichen Tag verurteilten Regimes abzuwickeln. Was aber suchen Trumps Gefolgsleute? Eine Umfrage, die die RAND-Corporation im Frühjahr 2016 durchführte, lieferte hier eine recht eindeutige Interpretation. Die Chancen, Donald Trump als Kandidaten zu favorisieren, verbesserten sich um 86%, wenn der Befragte in der Umfrage zugleich dem Item zustimmte, keine Stimme in der amerikanischen Politik zu haben.[12] Dass diese Umfrage auch von der Trump-Kampagne selbst wahrgenommen wurde, zeigt sich deutlich in der Ansprache, die Trump anlässlich seiner Nominierung zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten hielt: Die Ansprache, die mit Nixons Adresse an die ›Silent Majority‹ verglichen wurde, stilisierte Trump zum Vertreter all derjenigen, die zu Unrecht einen Status verloren hätten, der ihnen zustehe, sowie zum Feind jener, die vorgeblich unverdiente Geschenke erhielten. Parallelisiert man diese Daten mit dem, was die soziologische Forschung abgesehen davon über Trumps Unterstützer weiß[13], namentlich also damit, dass es sich um weiße Männer mittleren Alters ohne College-Ausbildung handelt, drängt sich eine Vermutung auf. In gewisser Art und Weise handelt es sich bei denjenigen, die nun hier wie dort aufstehen und mobilmachen, um die Vertreter eines ancien régime der Repräsentation, ihre Physiognomie entspricht bis ins letzte dem, was unlängst noch als das nicht weiter hinterfragbare Standardsubjekt gelten musste. Wer einen Blick auf das Piktogramm wirft, das bis heute die Tür von Herrentoiletten bezeichnet, erblickt einen Mann, dessen Ausbildungshintergrund, Rasse und Alter sich decken mit den Eigenschaften, die einen besonders anfällig für diese neue Art des Populismus werden lassen.

Der Hass auf das, was sie »Establishment« nennen, ist mit dem Hass auf den Versuch, die formale Gleichheit vor dem Gesetz durch eine materiale Gleichheit zu supplementieren, unmittelbar identisch. Hierfür spricht nicht allein die schroffe Diskrepanz zwischen dem, was Donald Trump sich von der Reetablierung der »libel laws« (also der Gesetze gegen üble Nachrede) erhofft, und seiner eigenen Affinität zu grenzwertig justiziabler Diktion[14], die ihm bekanntlich auch noch als einer seiner größten Vorzüge angerechnet wird, sondern auch die höhere Inklination weißer Amerikaner, sich als Unterstützer der quasi »proto-trumpistischen« Tea-Party zu bekennen, sobald sie nicht diesem »Standardsubjekt« entsprechende Menschen in Positionen der Macht sehen.[15] Sie verfügen dabei freilich über keine einheitliche Ideologie, was sie treibt, ist mehr diffuses Bauchgefühl als systematisierbare Erwägung, und just das macht es so schwierig, die Ideologie dieses ancien régime zu kritisieren oder auch nur in Worte zu fassen.

Was Adorno noch in der Negativen Dialektik als das ontologische Bedürfnis kritisieren konnte, ist dem westlichen Menschen zum existenziellen a priori geraten. Er bedarf nicht länger einer »zeitgenössischen Philosophie, die Scheite herbeischleppt«[16], weil noch landauf, landab die Haufen aufgerichtet stehen. Freilich schützt man sich: Selbst Trump verweigert sich, wie auch immer zögernd, der Anerkennung David Dukes als Unterstützer seiner Kampagne, auch die AfD schiebt Homosexuelle vor, um gegen den Islam zu agitieren.[17] Und hörte man nicht Echos des Vorvergangenen in solcher Manier, man wäre fast geneigt aufzuatmen. Doch allzu sehr erinnern solche Strategeme an Anderes, Altbekanntes.

»Die Taktik allseitigen Abschirmens harmoniert mit einer gesellschaftlichen Phase, die ihre Herrschaftsverhältnisse nur noch halben Herzens in einer vergangenen Stufe der Gesellschaft fundiert. Machtergreifung rechnet mit den anthropologischen Endprodukten der bürgerlichen Gesellschaft und braucht sie. Wie der Führer über das atomisierte Volk sich erhebt, gegen den Standesdünkel wettert und, um sich zu perpetuieren, gelegentlich die Garden wechselt, so verschwinden die hierarchischen Sympathien aus der Frühzeit der ontologischen Renaissance in der Allmacht und Alleinheit des Seins.«[18]

Derzeit heideggert es so – bei aller Gefahr, die auch hierzulande noch von diesem Schoß ausgeht – nur östlich der Krim, wo Putin und Dugin[19] darauf warten, dass sich der Westen selbst in den Boden fährt.[20] Wesentlich bleibt dennoch, dass das atomisierte Volk, über das die starken Männer sich erheben, keines ist, das unverhohlen einbekennt, man sehne sich nach der autoritären Knute, sondern eines, das jeden seiner Schritte damit rechtfertigt, dass man dadurch Schlimmerem entgehe. Die Männer, die die Frauenquote bekämpfen, tun das nicht etwa aus Misogynie, sondern aus Respekt vor den Frauen, die auch ohne fremde Hilfe in Führungspositionen gelangen, die Verteidiger des Menschenrechts, »Neger« zu sagen, sagen es nicht etwa aus Rassismus, sondern als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, und diejenigen, die behaupten, dass der Islam Terror sei, tun dies aus ebenso pragmatischen Gründen wie diejenigen, die beständig behaupten, er bedeute Frieden. Pragmatiker aller Orten, deren Schritte zur Tat solche in den Sumpf sind.

Unter Zweitgeborenen

Die zivilisatorischen Rückschritte, die sich immer deutlicher ankündigen, wurden bereits als Verteidigungskampf des ancien régime und eine Art der Besitzstandswahrung einer alten Garde bezeichnet. Aus dieser Einsicht lässt sich gar zu leicht falsche Sicherheit gewinnen. Noch sind Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika weitgehend demokratisch und erlauben Mitsprache am Schicksal der Nationen zumindest an der Wahlurne und, so möchte man sich trösten, diejenigen, die einreißen wollen, was man in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg gar zu mühsam und gar zu oberflächlich wiederaufbaute, stellen keineswegs die Mehrheit.

Solcher Trost übersieht die Rolle der Ideologie, an die auch gekettet ist, wer nicht unmittelbar von ihr profitiert. In gewisser Hinsicht ist der Versuch der AfD, Schwule und Muslime gegeneinander auszuspielen[21], der kurz darauf – wohl unbekannterweise aber in der Sache identisch – von Donald Trump wiederholt wurde[22], paradigmatisch. Überaus instruktiv ist diesbezüglich der politische Grenzen überschreitende Erfolg der Filmadaption von Chuck Palahniuks »Fight Club«. Die ebenso gut als protofaschistisch wie pseudoanarchistisch zu begreifenden Männerbünde um »Project Mayhem«, das es sich nebst der abendlichen Inszenierung homoerotischer Kampfriten zur Aufgabe gemacht hatte, das internationale Finanzsystem zu stürzen, brachte schon 1999 durch den Mund seines Sprechers Tyler Durden das Selbstverständnis all jener zu Gehör, die nun an die Wahlurnen drängen:

»Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Leute. Männer ohne Zweck, ohne Ziel. Wir haben keinen großen Krieg, keine große Depression. Unser großer Krieg ist ein spiritueller. Unsere große Depression ist unser Leben.«

Was sich hier versucht Gehör zu verschaffen, ist das Gefühl beständiger Benachteiligung, dem längst die Fantasie – in Ulrich Sonnemanns Worten, der kritische Wachtraum – abgeht, ein Leben zu antizipieren, in dem die Benachteiligung aller durch alle ein Ende hätte durch Versöhnung des Unversöhnten in einem Reich der Freiheit. Die Kinder der westlichen Welt sind dieser Tage ohne jede Ausnahme Zweitgeborene, denen doch unverdientermaßen der Reichtum eines Erstgeborenen zufiel. Weil sie am eigenen Reichtum seine Hoffnungslosigkeit gewahren und weil sie unwillentlich gezwungen sind zu konzedieren, dass die Bedingung ihres Reichtums die Armut der anderen ist, fürchten sie all jene, die noch in Hoffnung leben können.

Hin- und hergerissen zwischen Schuld und Angst, leben sie ein Leben, das einerseits längst nicht mehr so vom Überfluss gezeichnet ist, dass sie viel entbehren könnten und in dem andererseits noch das Wenige, woran sie sich halten, beständig prekär bleibt. Insofern jede partikulare Fraktion inklusive derjenigen, die ihre Partikularität noch unlängst zur Scheinuniversalität aufputzen konnte, jeden Vorstoß einer anderen wahrnimmt als Beschneidung der ohnehin dieser Tage allzu engen Wege an die Fleischtöpfe, gerät die beständige Verengung der Freiheit zur Angst im Wortsinn: Angustia und Enge sind das nämliche, die Wolke die über der Freiheit des Westens liegt und die sich zusehends zum apokalyptischen Donnerwetter auswächst, in dem man zum ideologischen Offenbarungseid gezwungen sein wird. Noch geriert sich fast ein jeder, als sei das autoritäre Bedürfnis, das ihn treibt, unmittelbar die Freiheit, aber anderswo geht es schon anders zu, und sollten sich die Tendenzen, die dieser Tage zu deutlich zu sehen sind, verschärfen, wird man bald wählen müssen, welcher offenen Herrschaft man sich am liebsten an den Hals wirft.

Der Umschlag von jenem in dieses ist dabei trotz aller sentimentalen Affinität der Individuen zum Begriff der Freiheit und bei aller formalen Affinität der Fragestellungen zum Selbigen nicht etwa äußerlich, sondern bereits in den Fragen angelegt: Die Münze Freiheit hat sich abgegriffen in dem Moment, in dem noch dem Letzten klar wird, dass sie ohne die bare nicht zu haben ist. Was aber die Feinde des Westens diesem zynisch vorrechnen als seine Schwäche, ist so leicht nicht abzukanzeln. Die Freiheit, insofern sie Bestimmung und damit das Bestimmende des Menschen ist, hat schließlich ganz andere Rechtsgründe als die, die entfremdet nur das Reich des freien Marktes zu begründen vermag. Der Gang der deutschen Geschichte führte Marxens Hoffnung, dieser Revenant sei gekommen, um der Weltgeschichte eine Komödie zu spielen, ad absurdum.[23] Die Deutschen lernten aus der Geschichte, so sagen sie und lachen über Trump, lachen über Putin, lachen über sich selbst und die AfD, als könne man nicht wissen, dass dieses Lachen entweder einige Jahre zu früh oder aber achtzig Jahre zu spät kommt. Die Deutschen lachen wieder im einzigen Moment, in dem einem sensiblerweise das Lachen im Halse steckenbleiben sollte. Sie lachen über die erbärmlichen kulturindustriellen Versuche der Amerikaner, ihre Ideologie in eine Zeit hinüberzuretten, die sie schon verabschiedet hat, als seien es nicht die Amerikaner gewesen, denen dieser Taschenspielertrick schon in den Zeiten der echten großen Depression gelang, und als seien nicht sie selbst die Zweitgeborenen, als die sie die unzivilisierten, geschichtslosen, zu-spät-gekommenen Amerikaner kontinuierlich diffamieren. Denn noch ist der amerikanische Traum nicht ausgeträumt und entgegen kerneuropäischer Zerrbilder, bezieht er sich keineswegs nur auf den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Die Parole der amerikanischen Verfassung lautet »life, liberty and the pursuit of happiness« als gottgegebene Rechte eines jeden Individuums zu verkünden, und dass dieser Traum noch nicht abgewirtschaftet hat, lässt sich an den Kinokassen ablesen, wo noch immer, aller antiamerikanischen Rancune zum Trotz Hollywood die einzige Traumfabrik im globalen Maßstab ist.

Bemerkenswert ist diesbezüglich insbesondere die Ungleichzeitigkeit, die auf den ersten Blick zwischen der Filmproduktion und den ideologischen Moden der sonstigen kulturindustriellen Produktion besteht. Während alle Zeichen jenseits der Leinwand zusehends in den Abgrund weisen, scheinen hier die Verhältnisse Kopf zu stehen. Die Science-Fiction-Dystopien der Neunziger und Zweitausender Jahre (Terminator 2, 12 Monkeys, Matrix usw.), ihrerseits Ausdruck der Unfähigkeit mit dem Tod der weltgeschichtlichen Hoffnung, die sich mit der Sowjetunion verband, vernünftig zu leben, wurden nach einer kurzen Phase des fantasievollen Eskapismus (insbesondere Harry Potter und Lord of the Rings) abgelöst von einer Welle des Superheldentums, die so umfassend ist, dass es den betreffenden Produktionen längst glückte, das Stigma des Genrefilms abzulegen. 2015 schließlich gelang es dem Marvel Cinematic Universe (MCU), zum bis dahin finanziell erfolgreichsten Filmfranchise überhaupt zu avancieren.

Kulturindustrie im ancien régime

»Das jetzige deutsche Regime dagegen, ein Anachronismus, ein flagranter Widerspruch gegen allgemein anerkannte Axiome, die zur Weltschau ausgestellte Nichtigkeit des ancien régime, bildet sich nur noch ein, an sich selbst zu glauben, und verlangt von der Welt dieselbe Einbildung. Wenn es an sein eignes Wesen glaubt, würde es dasselbe unter dem Schein eines fremden Wesens zu verstecken und seine Rettung in der Heuchelei und dem Sophisma suchen? Das moderne ancien régime ist nur mehr der Komödiant einer Weltordnung, deren wirkliche Helden gestorben sind.«[24]

Bei den Charakteren des MCU handelt es sich nicht um Neuschöpfungen, sondern um aktualisierte Fassungen längst bekannter Geschichten, nicht zuletzt um ein Publikum anzuziehen, das mit Ästhetik und Ethos des Marvel-Konzerns bereits zu Kindertagen vertraut war. Der Marvel-Verlag, der 1939 als Timely Publications begann, hatte gerade in letzterer Hinsicht schon lange vor den ersten Verfilmungen ein anderes Profil als sein fünf Jahre älterer Bruder und schärfster Konkurrent DC (1934: National Allied Publications): die Helden Marvels waren – ihren fantastischen Fähigkeiten zum Trotz – Underdogs, Identifikationsfiguren mit beizeiten kleinlichen Fehden, getrieben von persönlicher Gewinnsucht, Ruhm und weit entfernt von der moralischen Unverwüstlichkeit eines Superman oder Batman.

Die tendenziell höhere Affinität des Marvel-Uni- respektive Multiversums, soziale Fragen zu adressieren, spiegelte sich zudem in der von Marvel bevorzugten Praxis, die Handlung in realexistierenden, amerikanischen Großstädten anzusiedeln, anstatt sie auf fiktives Terrain wie Metropolis (Superman) oder Gotham City (Batman) zu verlagern. Damit blieb auch die Logik des Kalten Kriegs keine, der sich die Marvel-Charaktere entziehen konnten. Während sowohl Marvel als auch DC im Zweiten Weltkrieg an der Kriegspropaganda beteiligt waren, blieb es während des Kalten Krieges im wesentlichen dem Marvel-Verlag vorbehalten, sich explizit zur Situation zu äußern. Die auffällige Affinität der Comicindustrie im allgemeinen zu den ideologischen Kernfragen des Liberalismus war dabei dem Augenschein zum Trotz nicht bloß eine Variante des amerikanischen Patriotismus, so sehr Charaktere wie Captain America prima facie in diese Richtung zu weisen scheinen. Vielmehr handelte es sich für viele der Autoren, die das Genre prägen sollten, um zutiefst persönliche Fragen. Sie, die als jüdische Zeichner und Autoren bei großen Verlagshäusern und in der Werbebranche abgewiesen worden waren, hatten in der als Schundliteratur verschrienen Comicbranche eine Heimat gefunden. Erst vor diesem Hintergrund erklären sich die Geschichten der »Supermensches«[25]: Selbst Superman, der unbesiegbare Verteidiger der Schwachen, war nie nur der Farmjunge Clark Kent, sondern stets auch der von seinen kryptonischen Eltern ins Ungewisse geschickte Säugling Kal-El. Für die beiden jungen Juden Jerry Siegel und Joe Shuster, die Superman im Depressionsklima der Dreißiger und unter Eindruck der Kindertransporte erfanden, war diese Symbolik – aller Assimilation Clark Kents zum Trotz – weitaus weniger kryptisch, als der Name Krypton insinuiert.

Was so in zahlreichen Comics einen Hintergrund ablieferte, avancierte beim Marvel-Verlag spätestens in den Sechzigern zum Verkaufsargument: »Part of the magic was that Jack [Kirby, der bedeutendste Marvel-Zeichner, dieser Zeit, gebürtig Jacob Kurtzman] and Stan [Lee, der bis heute führende Autor im Marvel-Verlag, gebürtig Stanley Martin Lieber] generated was to instill in the reader a feeling of inclusiveness […] While all the other kids might be plodding through the tedious tales of guys with ›Bat‹ or ›Super‹ attached to their names, you were someone special.«[26]

Die exklusive Gemeinschaft von Verschworenen, die die Leserschaft des Verlags bildete, war zugleich inklusiv; potentiell war jeder, seinen Fehlern und Lastern zum Trotz, in der Lage, zum Superhelden zu werden. Die Idee, letztlich könne jeder Helden sein, definierte spätestens ab den Sechzigern auch zunehmend offen das Ethos des MarvelVerlags, der mit Jack Kirbys X-Men einen Titel ins Programm übernahm, der sich als direkte Anspielung auf die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King verstand. Mit einem Mal war der Kampf um Bürgerrechte ständiges Thema eines der erfolgreichsten US-amerikanischen Comicprodukte, in dem sich dennoch zugleich die Angst vor jenen niederschlug, deren Ansprüche aus Verfolgung erwuchsen und die man nicht würde länger ignorieren können: So verschwisterte sich in den X-Men die Kritik am Rassismus mit der am Antisemitismus – Erik Lehnsherrs[27] Wut gegen die Herrschaft stammte schließlich aus seiner Zeit in den Lagern des Nationalsozialismus.

Diese genuin liberale Ideologie, die sich direkt aus der gesellschaftlichen Lage der Autoren speiste, ließ den Kampf gegen den »Totalitarismus« zur maßgeblichen gesellschaftlichen Aufgabe der Superhelden werden.

Nach dem kalten Krieg

Die tiefe Verflochtenheit dieses ideologischen Erbes mit dem Plot machte es nahezu unmöglich, es zugunsten einer von diesem weltanschaulichen Ballast befreiten neuen Geschichte zu verlassen, als schließlich gegen Mitte des ersten Jahrzehnts der 2000er Jahre die Kinoadaption der großen Erfolge des Marvel-Verlags vor der Tür stand. Der 2008 erschienene, erste Film des MCU, Iron Man, legt von dieser Schwierigkeit Zeugnis ab.

Wie kein anderer Charakter war Tony Stark eine Figur des Kalten Kriegs und repräsentierte alles, was die damals noch junge Friedensbewegung verachtete. Der Milliardär und Waffenproduzent, der in die Gefangenschaft der (fiktiven) sino-vietnamesischen SinCong-Miliz gerät und sich nur mit Hilfe seines waffenstarrenden Kampfanzugs befreien kann, war als solcher schon kontrovers genug – 2008 war er zudem längst von aktuelleren politischen Kontroversen überholt. So verlagerte sich die Handlung nach Afghanistan und, obwohl pro forma auf Verbindungen der betreffenden Milizen nach China verwiesen wurde, konnte selbst dem oberflächlichsten Betrachter nicht entgehen, dass sich unter der Hand der Kommentar zum Vietnamkrieg zu einem absolut analogen Kommentar zum Afghanistankrieg verwandelt hatte.

Dieses grundlegende Schema durchzieht das ganze MCU wie ein roter Faden. Während einerseits unübersehbar ist, dass sich die Filme mühen, auch einen Kommentar zur politischen Lage darzustellen, ist dieser Kommentar immer wieder substantiell verspätet. Der War on terror funktioniert selbst bei wohlwollendster Betrachtung nicht analog zum Kalten Krieg, und die neuen Parteigänger von Faschismus und Nationalsozialismus sind, anders als das MCU das in Gestalt der nationalsozialistischen Untergrundorganisation Hydra nahelegt, nicht die Nazis selbst. Das Filmfranchise funktioniert allerdings nicht trotz dieser Ungereimtheiten, sondern gerade deswegen. Just in dem Moment, in dem der realexistierende Liberalismus allerorten an seine Grenzen stößt, entdeckt die Welt ihre Liebe zu seinen fantastischen Parteigängern. Die Freiheit und Würde des Einzelmenschen, die von den Übermenschen der Leinwand in immer kürzeren Abständen vor den Bedrohungen und Versuchungen des Totalitarismus in Schutz genommen wird, sind offenbar noch marktgängig. Und doch bleibt es Kompensation. So tot wie die alten Helden Deutschlands sind die neuen der Vereinigten Staaten, und es tut wenig, dass nicht unbeträchtliche Teile der approbierten politischen Kaste versuchen, den ziellosen Massen die wenige verbleibende Reflexionsleistung abzunehmen und Köpfe ihrer jeweiligen politischen Pseudoheroen auf die Körper der Leinwandlieblinge montieren. Der liberale Geist ist nicht tot, aber er geht auch nicht um wie einst das Gespenst in Europa. Wo die Publizisten und Lautsprecher des Status Quo ihn verkünden möchten, klingt er schon schräg und illiberal, seltsam nahe bei dem, was er verhüten möchte – den Massen wird die Zurechnungsfähigkeit gänzlich abgesprochen und die große politische Freiheit des demokratischen Zeitalters erscheint schon als der Gegner, den man nun beseitigen müsse, so einem daran gelegen ist, die Freiheit und Gleichheit zumindest abstrakt zu retten. Das macht ihn nicht zu Unrecht verhasst. Wo er noch Bewunderung findet, wird er nur begriffslos begafft: Die vom »Kosmos des Films, von Geste, Bild und Wort so absorbiert« werden, dass sie »ihm das nicht hinzuzufügen verm[ögen], wodurch er doch erst zum Kosmos würde«[28] bewundern den fleischgewordenen Geist auf der Leinwand, den sie in der eigenen Welt nirgends mehr aufzufinden vermögen. Ihn als den eigenen Geist zu erkennen, fehlt der rechte Schneid – das spötterische Abtun der darunter befassten Sehnsucht unter kulturindustrielle Produktion unter ferner liefen, bleibt die Ersatzbefriedigung derer, die sich längst abgefunden haben mit dem Verlöschen eines einheitlichen Lichts der Vernunft, das doch im Westen zuerst aufgegangen war. Ob das Verlangen nach den erreichten individuellen Freiheiten aber scheinbar oder anscheinend ein liberales ist, wird die Praxis zeigen müssen – der Ausgang der Kämpfe der kommenden Monate und Jahre wird erweisen, welche der beiden Beschreibungen die adäquatere gewesen sein wird.

Noten

[1] Repräsentiert durch Sahra Wagenknecht als ideologische Federführerin, und symptomatisch ablesbar an eher randständigen Figuren wie Christopher Pietsch.

[2] Beobachtbar am fortwährenden französischen Ausnahmezustand sowie dem unlängst erfolgten Referendum zum ›Brexit‹.

[3] Marginalien zu Theorie und Praxis.

[4] http://www.n-tv.de/politik/Gruene-distanzieren-sich-von-Boris-Palmer-article16996671.html

[5] http://www.politico.com/blogs/on-media/2016/02/donald-trump-libel-laws-219866

[6] http://www.independent.co.uk/news/world/americas/donald-trump-reiterates-desire-to-murder-terrorists-families-a6912496.html

[7] vgl Adorno ÄT, 70f.

[8] Hieraus speist sich die Wut ideologiekritischer Kleinstszenen gegen den Feminismus, den Antirassismus und in letzter Instanz all jene, die die Unverschämtheit besitzen, ihre Rechte schon im Hier und Jetzt einzufordern. Hoffnungslos geworden werden sie zornig, wie alte Männer regredieren und zahnlos auf den Tisch hauen – statt neue Hoffnung zu fassen, macht die der anderen sie wild.

[9] Adorno ND S. 96.

[10] https://www.theguardian.com/us-news/video/2016/mar/14/donald-trump-legal-fees-protester-punched-video

[11] http://www.motherjones.com/mojo/2016/03/donald-trump-violent-supporters-legal-fees

[12] http://www.theatlantic.com/politics/archive/2016/03/who-are-donald-trumps-supporters-really/471714/

[13] ebd.

[14] http://www.diversityinc.com/news/trumps-record-of-hate-to-date/

[15] http://www.diversityinc.com/news/darker-president-obama-pictures-make-white-people-feel-threatened/

[16] Adorno ND, 96.

[17] http://www.berliner-zeitung.de/berlin/kommentar-die-afd-spielt-schwule-und-muslime-gegeneinander-aus-24438548

[18] Adorno ND S. 96f.

[19] http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/item/4187-dugin-und-heidegger

[20] vgl. bspw. https://www.youtube.com/watch?v=aOWIoMtIvDQ

[21] vgl FN 15.

[22] http://www.huffingtonpost.com/entry/donald-trump-lgbt_us_57918ba8e4b0fc06ec5c7fdd

[23] MEW, 382.

[24] ebd.

[25] Haaretz – Supermensches: Comic books’ secret Jewish history (http://www.haaretz.com/israel-news/culture/1.698619?utm_medium=twitter&utm_source=dlvr.it).

[26] »The Art of Inclusiveness«, Terry Austin über Jack Kirby. In: John Rhett Thomas et al. – The Marvel Legacy of Jack Kirby. Marvel: New York 2015.

[27] Magneto, der Feind der X-Men, in dem sich zugleich die Furcht vor der Bürgerrechtsbewegung zeigt. Der Autor Chris Claremont verweist bezüglich seiner Herkunft darauf, er sei an Malcolm X orientiert.

[28] Dialektik der Aufklärung, Kulturindustrie, S.148 (Adornoausgabe).

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