Uni Macht Wissen

Die Uni ist ein von Machtverhältnissen durchzogener Wissensapparat und bedarf des Widerspruchs.

Von Andreas Stahl

Wenn wir in der Tradition der kritischen Theorie (Demirovic 2015, S. 23-38) voraussetzen wollen, dass das, was wir wissen und die Art, wie wir denken, selbst Teile sozialer Prozesse und nicht naturgegeben sind. Und wenn wir dann annehmen, dass Erkenntnisse über die Welt nicht nur zu Herrschaftszwecken instrumentalisiert werden, sondern das Denken selbst von Herrschaftsordnungen und Machtverhältnissen durchzogen ist. Dann scheint es der nahe liegendste Schluss überhaupt zu sein, dass jegliche Art der Erkenntnis immer umstritten ist. Dann wird aber auch klar, dass es keinen Grund dafür gibt, Gegebenes und Erzähltes klaglos hinzunehmen.

Wissen und die Produktion von Wissen an der Universität (und vor allem in den Sozialwissenschaften) haben einen gewichtigen Anteil daran, wie die Welt beschrieben und produziert wird. Das fängt bei der Zusammenstellung des Modulplans und der Berechnung der dafür vorgesehenen Zeit an und hört beim Abwürgen einer „aus den Fugen“ laufenden Diskussion nicht auf. Sozialwissenschaftliche Wissensproduktion ist durchdrungen von affirmativen Elementen und Theorien. Bereits die Zusammenstellung des Seminar- oder Vorlesungsplans lässt oft erahnen, worauf man sich als Studierende einzustellen hat. Interessant ist dabei vor allem die Frage danach, was nicht auf dem Plan steht: Auf welche Theorien und Analysen scheint man verzichten zu können? Wofür reicht „die Zeit“ nicht? Und was wird als besonders „anschlussfähig“ für das spätere Berufsleben angepriesen? Die ideologiekritische Auseinandersetzung mit herrschenden Gedanken – die dann wahnwitzigerweise häufig als „ideologisch“ gebrandmarkt wird – muss meistens „leider“ verschoben werden auf After-Uni-Gespräche, (halb-)private Lesekreise und außeruniversitäre Veranstaltungen, die das Problem der sozialen Selektivität und des Ausschlusses des sozial sowieso schon vorsortierten Ortes der Universität nur noch mal potenzieren.

Wenn Marx sagt, dass die herrschenden Intellektuellen und Ideologien, die die Deutung der Wirklichkeit maßgeblich bestimmen, wenig Interesse daran haben, Selbstkritik zu betreiben und die eigenen Wirklichkeitsinterpretationen zu hinterfragen – stattdessen sogar gegen deren Infragestellung ankämpfen werden, dann heißt das noch lange nicht, dass es für kritisch-emanzipatorische Kräfte darum geht, bloß den bürgerlichen Schleier abzutragen und die eigene Deutung entgegenzusetzen. Denn erstens birgt dies bereits wieder die Gefahr, ein autoritäres Geltungsverständnis jener Analysen und Theorien durchsetzen zu wollen, welche gerade einen solchen absoluten Wahrheitsanspruch ganz grundsätzlich in Frage stellen wollen. Zudem gäbe man sich der Illusion hin, bürgerliche Ideologeme seien bloß durch „rationale“ Argumentation dekonstruierbar und damit überwindbar. Stattdessen gilt es, den gemeinen Prozess der Wissensproduktion immer wieder durch kritische und konsequente Intervention zu stören. Es bedarf einer radikalen Umformung der gesellschaftlichen Wissensapparate durch inneren und äußeren Widerspruch. Dabei sollte einerseits die Theorie nicht als Mittel zum Zwecke der Praxis gesehen werden. Denn die Kritik an bürgerlichen und die Neudefinierung von emanzipatorischen Konzepten und Begriffen stellt einen nach eigener Logik funktionierenden, dauerhaften Reflektionsprozess dar, der keinem instumentellen Verhältnis unterliegen sollte. Damit sei aber auch betont, dass die künstliche Trennung zwischen theoretischer und praktischer kritischer Arbeit fundamental hinterfragt werden sollte. Wer dauerhafte Kritik betreibt, betreibt damit auch dauerhafte Materialität. Kritische Theorie wird zur gelebten Praxis. Das heißt nicht, dass der gute Wille genügt, um Macht- und Herrschaftskonstellationen zu verändern. Es heißt aber auch nicht, dass man sich kleiner machen sollte, als man ist.

Wie das konkret gehen kann? Gleich zum Semesterstart mal nachhaken, warum der Plan denn so zusammengestellt ist, wie er dasteht – und warum nicht anders.  Das nächste Mal blöd gucken und fragen, was der Dozent denn mit dem „ollen Marx“ meine. Und ob er ihn schon mal gelesen habe. Nicht einschüchtern lassen, wenn frau die einzige ist, die mehrmals kritisch nachfragt. Sich mit anderen austauschen und zusammentun, die auch mehrmals kritisch nachfragen. Eine AG Wissenschaftskritik gründen. Anderen Studierenden widersprechen, wenn sie nach der beruflichen Anschlussfähigkeit und Verwertbarkeit des Diskutierten fragen. Auf die Straße gehen und gegen positivistische Wissenschaft demonstrieren. Öffentliche Diskussionen organisieren. Die Ökonomisierung der Hochschulen anprangern. Angeblich deskriptive Beschreibungen als normative, ideologisierte Deutungen kennzeichnen. Sich nicht entmutigen lassen. Stets den Klassencharakter der Gesellschaft hervorheben.

Demirovic, Alex (2015): Hegemonie und Epistemologie, in: Demirovic, Alex; Klauke, Sebastian; Schneider, Etienne (Hg.): Was ist der „Stand des Marxismus“? – Soziale und epistemologische Bedingungen der kritischen Theorie heute, Münster, S. 23-37.

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